Heft 
(1907) 16
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15. (4. ordentliche) Versammlung des XVI. Vereinsjalires.

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es ihm also nicht, und man muß sagen, daß er ihn auch gut und fesselnd zu behandeln verstanden hat.

Parthey war, abgesehen von seiner Gelehrsamkeit, ein feingebildeter Mann. Eine hohe Kultur spricht aus diesen Memoiren. Er war ein großer Verehrer Goethes, in dessen Gedankenkreis er sich eingelebt hat und in dem er besonders gern verweilt. Die Liebe zu dem Dichter berührt um so angenehmer, als bekanntlich zwischen ihm und Partheys Großvater Nicolai ein nichts weniger als freundliches Verhältnis bestand. Goethe hat ihn für immer imFaust als den Vertreter des rechthaberischen Philistertums in der Literatur gekennzeichnet. Diesem Ahnen und seinen Werken steht der Verfasser der Erinnerungen mit erfrischender Un­befangenheit gegenüber. Die Liebe zu Goethe aber hat ihn bestimmt, wo er nur konnte, über den großen Dichter zu berichten. Schon vor diesen Jugenderinnerungen hatte er eine Schrift herausgegeben:Ein ver­fehlter und ein gelungener Besuch bei Goethe (1862, neu abgedruckt 1883). In unsern Memoiren selbst beruft er sich mit Vorliebe auf ihn und zitiert gern aus seinen Werken. Auch erzählt er einiges damals Unbekannte aus seinem Leben. Die Quelle dafür waren ihm die mit dem Nicolaischen Hause befreundete Familie Körner, die auch zum Dichter vielfache Beziehungen hatte, und sein Heidelberger Lehrer, der Archaeologe und Mythologe Creuzer. Was er berichtet, besteht vor dem heutigen Wissen über den Dichter nicht, und wurde mit Erlaubnis des Herrn Geh. Rats Friedei von mir in den dem neuen Abdruck beigegebenen Anmerkungen berichtigt oder ergänzt. Es sei mir gestattet, an dieser Stelle die Ver­besserung eines Irrtums, der mir entgangen war, nachzutragen. In der Bd. 2, S. 96, erwähnten ersten, von Dilettanten bewirkten Aufführung derIphigenie, spielte nicht Frau von Stein die Heldin, wie Parthey sagt, sondern Corona Schröter.

Dieser hier geschilderte Mann nun war seiner ganzen Natur nach e in stiller, treuer Beschauer, der sich gern belehrte und den Erziehung und die gute Tradition des Vaterhauses dazu trieben, die Augen offen zu halten und alles Wissenswerte zu beachten und gewissermaßen zu buchen. Bedenkt man das alles, so darf man erwarten, daß seine Erinnerungen viel Interessantes bieten. Und diese Erwartung wird auch nicht getäuscht. Das Berlin dieser Zeit tritt einem lebendig ent­gegen. Eine Fülle bemerkenswerter Personen wandeln an uns vorüber, hast von jeder weiß Parthey Charakteristisches zu berichten. Der Kreis d er Frau v. Recke mit ihrem von ihr unzertrennlichen Tiedge wird uns geschildert. Die Familie Körner spielt eine bedeutsame Rolle. Uber die Geselligkeit der Zeit erfahren wir vieles, was uns heute mit einer Art Neid erfüllt. Vom Theater, den hervorragenden Mitgliedern des Schauspiel- und des Opernhauses hören wir allerlei Anekdotisches. Durchreisende Virtuosen werden uns vorgestellt. Die wichtigsten