Heft 
(1907) 16
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15. (4. ordentliche) Versammlung des XVI. Vereinsjahres.

Vertreter der noch nicht lange bestehenden Universität lernen wir kennen. Was werden uns allein von dem scharfsinnigen, bissigen Friedrich August Wolf, dem berühmten Altertumsforscher, für sarkastische Bonmots erzählt! Nicht minder interessant ist, was Parthey von dem Turnwesen berichtet und von seiner Militärzeit. Das Institut des Einjährig-Freiwilligentums war eben erst begründet worden. Wer Einjähriger,war, wird mit Lächeln von den idyllischen Zuständen, die damals in Bezug auf diese Soldaten­klasse herrschten, Kenntnis nehmen. Zuletzt führt uns Parthey von Berlin weg nach Heidelberg und München, nach Paris und London. Auch was er von dort berichtet, ist hübsch und fesselnd, ln Paris erhielt er durch die Herzogin von Kurland Zutritt zu den höchsten Kreisen. So ist er in der Lage, allerlei Merkwürdiges über Talleyrand, namentlich den äußeren Menschen zu erzählen. Kurz, jeder wird das Buch mit Befriedigung aus der Hand legen.

Die neue Ausgabe hat, wie ich schon angedeutet habe, Herr Ge­heimrat Friedei mit Anmerkungen versehen, die dazu bestimmt siud, mancherlei Irrtümer, die dem Memoirenschreiber begegnet sind, zu berichtigen, manche vergessene Persönlichkeit, die der Verfasser als bekannt voraussetzen durfte, wieder in die Erinnerung zu rufen. Er hat dadurch das Verständnis des hübschen Buches erhöht. Der alte Text aber blieb vollständig intakt.

Zu Gustav Partheys Jugenderinnerungen möchte ich noch zwei Notizen ans neuester Zeit geben.

a) Unter dem TitelEine Silberhochzeit in Alt-Berlin hat der am 28. Mai d. J. verstorbene Schriftsteller Gotthilf Weisstein einen auf Friedrich Nicolai bezüglichen hübschen Aufsatz hinterlassen, den der Verein für die Geschichte Berlins in den Mitteilungen 1907, S. 204 und 205 veröffentlicht. Interessant ist der Kupferstich von J. D. Meil, welcher gelegentlich der Silberhochzeit Fr. Nicolais am 11. Dez. 1785 denselben gewissermaßen als Jubelgreis mit Frau und zahl­reicher Familie darstellt. DieserJubelgreis mit hoher Zipfelmütze und Schlafrock war aber erst 52 Jahre alt. So liebten es damals würdige Männern schon in den besten Jahren als würdige Greise zu posieren.

b) Dann gedenke ich des Schlosses Loebichau, das 1791 von der Gemahlin des letzten Herzogs von Kurland u. v. II. Biron gekauft worden war. Die ebenso schöne wie feingebildete Herzogin Dorothea geb. Reichsgräfin von Medem, stattete die Schlösser, von denen sie das größere umbaute, mit Kunstschätzen und einem ungewöhnlich reichen Mobiliar aus. Das Rokoko sowohl wie der Stil Louis XVI. und das Empire waren in der Einrichtung der Gemächer geschmackvoll vertreten. In ihnen empfing Dorothea die Großen jener Zeit, Kaiser Alexander ! von Rußland, die sächsischen Herzoge, Goethe, Talleyrand u. a. Was