Heft 
(1902) 10
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19. (9. ordentliche) Versammlung des IX. Vereinsjahres.

Ausbau des deutschen Kaiserreiches bilden. So haben die letzten grossen Kriege unseres Yolkes eine malerische Darstellung von kaum je er­reichtem Umfang erfahren. Doch weiss ein Jeder, dass die Darstellung von Historien schon früher auch bei uns nennenswerte Ergebnisse gehabt hat. Nur über die Zeit der Anfänge in Berlin ist man in weiten Kreisen noch recht mangelhaft unterrichtet. Da diese Anfänge dadurch eine besondere Bedeutung beanspruchen, dass im Rahmen des altern Geschichtsfaches die vaterländischen und die zeitgeschicht­lichen Stoffe sehr hervortraten, wird hier noch näher zu beleuchten sein. Die vorliegende Betrachtung möchte ich daher auf diesen Teil der Historienmalerei beschränken. Dass wir heute kaum die Namen jener alten Meister und die Titel ihrer Werke, geschweige gar diese selbst, kennen, ist wohl Schuld der Kunsthandbücher, die manches ver­heimlichen, wie sie anderes über Gebühr verherrlichen und die Dinge so darstellen, als sei die moderne Historienmalerei im 19. Jahrhundert von Paris und Belgien ausgegangen. Seit der Mitte dieses Jahrhunderts ist allerdings die Mehrzahl unserer Historienmaler durch die Ateliers der Franzosen und Belgier, der Delaroclie, Cogniet, Wappers u. a. ge­gangen. Aber muss nicht den Glauben, dass es auch ausserhalb dieser Hauptströmung eine Historienmalerei früher bei uns gab, schon der einzige Name Adolph Menzel befestigen? Unabhängig von jenen westlichen Meistern behandelte er frühzeitig vaterländische Stoffe mit Erfolg. Schon zwischen 1834 und 1836 hatte er den Anfang gemacht mit einer Folge von lithographierten Zeichnungen: Denkwürdigkeiten aus der Brandenburgischen Geschichte und auf 12 Blättern die Epochen Albrechts des Bären mit der Einführung des Christentums bei den Wenden und der Erstürmung von Brennabor, des ersten hohen- zollernschen Kurfürsten Friedrich, Joachims II., des Grossen Kurfürsten und der Schlacht bei Fehrbellin u. s. w, bis zur Zeit der Befreiungs­kriege mit jugendlichem Temperament geschildert.

Die spätem Biographen des inzwischen berühmt und zur Exzellenz gewordenen Menzel pflegen die Dinge so darzustellen, als habe der damals 19jährige Jüngling eine unerhörte und völlig neue künstlerische That vollbracht. In Dr. Rosenbergs Geschichte der Berliner Maler­schule heisst es: Für die historische Bedeutung der von Menzel ge­wählten Momente hatte man damals nicht das geringste Yerständniss und man konnte es auch nicht haben in einer Periode, während welcher eine unheilvolle Politik unser Vaterland lenkte. Freilich wurden die Freiheitskriege noch von einigen Künstlern ausgebeutet; aber das patriotisch-historische Moment trat hinter dem rein militärischen zurück. In dieser trostlosen Zeit politischer Erschlaffung wies nun der 19 jährige Menzel mit energischer Hand auf die Marksteine in der Entwickelung der Brandenburgisch-Preussischen Geschichte hin. Er zeigte die Etappen