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Heinrichs v. Kleist Michael Kohlhaas.
seiner Entstehung, überhaupt nichts aus der vorkohlluisischen Zeit, von ihm zu berichten.
Ich schicke diese Bemerkung voraus, weil sie mir symbolisch scheint für die Stellung, die Kleist in seiner Erzählung zu den historischen Vorgängen, die ihr zu Grunde liegen, einnahm. Ganz frei schaltete er mit der Überlieferung und ziemlich ungehemmt liess er der dichterischen Erlindung die Zügel schiessen. Gleich den Namen des Helden änderte er. Aus Hans Kohlhase schuf er den voller tönenden, rhythmischer klingenden und hinsichtlich des Vornamens bezeichnenderen Michael Kohlhaas. Aus einem Kaufmann, der in Berlin iu der Fischerstrasso ansässig war — es heisst, dass er das Haus Nr. 27 bewohnt habe — machte er einen Rosshändler in Kohlhaasenbriick, der nebenbei Landwirtschaft trieb. Sämtliche Namen bis auf den des Helden und seines Gesellen Nagelschmidt sind, mag es sich nun um den Junker handeln, dessen Übergriff zu jenen in der Erzählung geschilderten Ereignissen den Anstoss gab, mag es sich um die hohen Beamten des sächsichen und brandenburgischen Staates handeln, die an dem Verlauf der Begebenheit mehr oder weniger Anteil nehmen, alle diese Namen sind von Kleist erfunden. Ferner: während die Frau des historischen Kohlhase den Gatten überlebte, lässt sie der Dichter früh sterben, indem er das Moment zur Verschärfung des Rachegefühls seines Helden benutzt. Ja, selbst das Ereignis, um dessen willen Kohlhaas zum Räuber und Mörder wird, stellt Kleist wesentlich anders dar, als es in Wirklichkeit vor sich ging: die Pferde, auf deren Dickfütterung der Kohlhaas der Erzählung so trotzig besteht, wurden dem historischen Kohlhase unter ganz anderen Umständen zurückbehalten, als Kleist angiebt. Endlich hat er der ganzen Affaire so zu sagen ein grösseres Format gegeben, indem er die Vorgänge von einer stärkeren historischen Bedeutung sein lässt, als sie in Wahrheit waren. Nach ihm liefert Kohlhaas, wenn nicht gerade Schlachten, so doch Gefechte, und der Nimbus kriegerischen Ruhmes wird ihm verliehen. Er schlägt mit 109 Mann ein von einem Priuzen geführtes Heer von 500 und wendet sich nach dem Siege gegen ein zweites, 150 Mann starkes. Der wirkliche Kohlhase operierte gewöhnlich mit nicht mehr als drei bis fünf Mann, mit dem er seine Überfälle, Plünderungen und Brandstiftungen besorgte. Die höchste Zahl an Mannschaft, die er einmal beisammen hatte, betrug 35 Mann, und in Schlachtordnung hat er sein Gesindel nie. aufgestellt (Burkhardt, C. A. II. Der historische Hans Kohlhase und Heinrich von Kleists Michael Kohlhaas, Leipzig 1864 S. 43).
Diese beträchtliche Abweichung des Dichters von der Wirklichkeit hat denn auch den eben genannten Historiker Burkhardt zu der Behauptung veranlasst, dass der Dichter bei seiner Darstellung nicht einem