Heinrichs v. Kleist Michael Kohlhaas.
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fixierten Berichte folgte, sondern sich mit dem begnügte, was ihm nach Ludwig Tiecks Mitteilung (Kleists hinterlassene Schriften, Berlin 1821 S. \II) einst ein Freund, der spätere Kriegsminister v. Pfuel, von Kohl- Imsens Geschichte mündlich erzählte.
Ich will dagegen nicht einwenden dass Kleist selbst, als er seine Bezahlung als Ganzes veröffentlichte, ausdrücklich auf die Abhängigkeit von einer älteren niedergeschriebenen Darstellung hiuwies, einmal üusser- Iich, indem er auf den Titel setzte: „Aus einer alten „Chronik“, dann innerlich, indem er gegen Ende des Werkes „von Chroniken“ spricht, aus deren Vergleichung er Bericht erstatte.“ (Kleists Werke, herausg. von Zolling 4, 151, 28) Denn derartige Bemerkungen sind Trics der Epiker, die sie zur Erhöhung der Illusion und um den Schein der Wirklichkeit zu verstärken, anwenden. So macht Goethe im Werther lediglich zu diesem Zweck Anmerkungen, in denen er bald erklärt, er habe sich genötigt gesehen, die in dem Original (des abgedruckten Briefes) befindlichen wahren Namen eines Ortes zu verändern, bald aus gewissen Rücksichten eine Stelle des scheinbaren Originals unterdrückt zu haben bekennt, bald angiebt, dass er aus Ehrfurcht für einen erwähnten trefflichen Mann einen von ihm herrührenden Brief der Sammlung entzogen habe. Und wirklich spricht Kleist von den Chroniken, deren Vergleichung erst ihm die Wahrheit ergeben haben solle, bei der Darstellung gerade eines solchen Vorganges, über dessen rein dichterische Erfindung nicht der geringste Zweifel besteht. Es sind ähnliche Mittel und sie dienen dem gleichen Zweck, die Naturwahrheit zu erhöhen, wenn der Dichter gegen Ende (Zolling 4, 152,14) „eines eigenhändigen, ohne Zweifel sehr merkwürdigen Briefes Luthers an Kohlhaas, der aber verloren gegangen ist“, gedenkt und zum Schluss in Bezug auf den Seelenzustand des Kurfürsten von Sachsen auf die Geschichte verweist, „in der man das Weitere nachlesen müsse“ (Zolling 4,155,14 f.). Auch das gehört hierher, wenn es (ibid. 105,28) von einem erfundenen Plakat heisst: „das wir dem Hauptinhalt nach folgendermassen mitteilen“. Man kann also nicht sagen, dass Kleists eigene direkte Äusserungen über diesen Punkt die Burkhardtsche Behauptung widerlegen, wohl aber ergiebt sich aus einer Reihe anderer Momente, dass sie unhaltbar ist und dass seine Darstellung ganz unzweifelhaft auf einer genauen Kenntnis eines fixierten Berichtes beruht.
Ich will von diesen Momenten nur drei anführen. Andere werden sich im Laufe der Erörterung von selbst ergeben.
Erstens: Kleist lässt der historischen Überlieferung entsprechend Kohlhaasens Hinrichtung am Montag nach Palmarum vor sich gehn. Sollte Pfuel diese Einzelheit behalten und Kleist erzählt und dieser dann wieder sie seinem Gedächtnis so fest eingeprägt haben?