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Heinrichs v. Kleist Michael Kohlhaas.
Zweitens: der Dichter legt, wie ich schon bemerkt habe, einem der Gesellen des Mordbrenners, der ihm so verhängnisvoll wird, denselben Namen bei wie die Quelle, nämlich Nagelschmidt. Diese Übereinstimmung würde, wie ich meine, allein zur Annahme nötigen, dass Kleist eine fixierte Darstellung benutzt habe. Denn die mündliche Erzählung pflegt auf Namen untergeordneter Personen zu verzichten oder man überhört sie, wenn sie genannt werden. Doch die Übereinstimmung ist nicht einmal auf diese Äusserlichkeit beschränkt. Vielmehr knüpft Kleist die Peripetie im Schicksal seines Helden in einer der Überlieferung ähnlichen Weise an diese Person. Sie berichtet, dass Kohlhase in dem Augenblick in sein Verderben rennt, als er dem unbedachtsamen Gesellen George Nagelschmidt Gehör schenkte, der ihm riet, seinen eigenen Landesherrn, den Kurfürsten von Brandenburg, anzugreifen. Tliäte er das, so würde man sich seiner annehmen und seine Klage gegen Sachsen zu einem guten Ende bringen. Indem Kohlhase diesem Kate folgte, führte er seine Gefangennahme herbei. Ähnlich knüpft sich bei Kleist das Verhängnis des Helden an den Genossen Nagelsclnnidt. Dieser setzt, nachdem Kohlhaas die Feindseligkeiten eingestellt hat, dessen Rolle auf eigene Faust fort und raubt und mordet im Lande. Als sich sein einstiger Herr dann im freiwilligen Gewahrsam in Dresden betindet, schreibt er ihm, dass er sich erbiete, ihm zur-Flucht aus seiner Haft an die Hand zu gehn und Kohlhaas ist unvorsichtig genug, in einer Beantwortung des von der Regierung aufgefangenen und ihm, um ihn in die Falle zu locken, heuchlerisch übergebenen Briefes den Vorschlag anzunehmen. Es wird ihm daraufhin der Prozess wegen Landesverrates gemacht und er zu Rad und Galgen verurteilt. Eine solche Übereinstimmung setzt doch wohl eine eingehendere Beschäftigung mit der Überlieferung voraus und wäre unter der Annahme eines einmaligen Anhörens einer mündlichen Erzählung nicht zu begreifen.
Drittens heisst es in der Quelle bei der Erzählung des Besuches, den Kohlhase Luther macht: „Kohlhase ist unvermerkt gegen Wittenberg selbander reitend kommen und im Gasthof eingekehret.“ Genau so lässt Kleist seinen Rosshändler, als er Luther aufsucht, in Wittenberg in ein Wirtshaus einkehren (Zolling 4, 97, 22).
Der Dichter hat also einen niedergeschriebenen Bericht benutzt. Es fragt sich nun, welchen? Lange Zeit blieb das verborgen, obwohl E. T. A. Hoffmann es im dritten Band seiner Sei’apionsbrüder schon i. J. 1820 ausgesprochen hatte. Denn erst i. J. 1861 ist Emil Kuh, der bekannte Hebbel-Biograph, angeregt durch die Äusserung bei Iloff- mann, diesem interessanten Problem nachgegangen, ln einer heute leider nicht mehr aufzutreibenden (Goedeke, Grundriss der deutschen Dichtung Bd. 6 S. 102) Untersuchung „Die Quelle der Kleistschen -Erzählung Michael Kohlhaas“ (Kolatscheks Stimmen der Zeit, 2. Ausg. Leipzig 1861)