Heinrichs v. Kleist Michael Kohlliaas.
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hat er von drei Berichten über die Geschichte des Mordbrenners wahrscheinlich gemacht, dass Kleist sie befragt hat. Seit dem ist die Tliat- sache in die Litteraturgeschichte übergegangen.
Die Hauptquelle war die Darstellung des Berliner Chronisten Peter Ilafttiz. Peter Ilafttiz, kurz vor 1530 in Jüterbog geboren, lebte von etwa 1550 an in Berlin als Lehrer und schrieb eine Stadtgeschichte, die er „Mikrochronikon“ nannte. Aus ihr stellte er einen Auszug her, den er „Mikrochronologikon“ betitelte. Jenes grössere Werk wurde bisher überhaupt noch nicht gedruckt, das kleinere erst i. J. ISO:?, wo es in dem ersten Band des vierten Hauptteils des Riedelschen Codex Brandenburgensis Aufnahme fand. 1894 hat dann Friedrich Iloltze Teile daraus im 31. Heft der Schriften des Berliner Geschichtsvereins veröffentlicht und mit einem Kommentar begleitet. Zu Heinrich von Kleists Lebzeiten existierte also auch das „Mikrochronologikon“, das für uns allein in Betracht kommt, nur handschriftlich, und man hat denn auch zuweilen angenommen, dass ein solches handschriftliches Exemplar in die Hände des Dichters gelangt war. Diese Annahme ist jedoch nicht unbedingt geboten.
Es enthält nämlich die i. J. 1730 in Dresden und Leipzig erschienene „Diplomatische und curieuse Nachlese der Historie von Ober- Sachsen und angrentzenden Ländern“ von Christian Schöttgen und George Christoph Kreysig auf S. 528 ff. unter dem Titel „Nachricht von IIan.ss Kohlhasen“ einen von Anmerkungen begleiteten wörtlichen Abdruck des Ilafftizschen Berichtes. Diesen Abdruck hat Kleist wohl benutzt.
ln demselben Jahrhundert, in dem Hans Kohlhase auf dem Schaffot seinen Tod fand, erschien noch ein Büchlein, das von seinem Schicksal, wenn auch kurze Nachricht gab. Es ist vom Magister Balthasar Mentz verfasst, in Wittenberg 1598 gedruckt und führt einen im Geschmack der Zeit umständlichen Titel: „Stammbuch und kurtze Erzehlung. "Vom Ursprung und Hehrkomen der Chur und Fürstlichen Heuser Sachsen, Brandenburg, Anhalt und Lauenburg“ u. s. w. S. My. Ob Kleist diese Darstellung gekannt hat, ist zweifelhaft. Emil Kuh hat es, wie Zolling a. a. 0. S. X berichtet, angenommen. Eine Übereinstimmung, die sich zwischen seiner Erzählung und der Relation des Mentz findet, könnte allerdings auf den Gedanken führen, dass auch sie ihm vor Augen kig. Beide nämlich lassen den Mordbrenner mit dem Schwert gerichtet werden, während er in Wahrheit aufs Rad gelegt wurde. Allein Kleist könnte doch auch ohne Kenntnis des Mentz dazu gekommen sein, seinem Helden die edlere Todesart zuzuschreiben. Ilafftiz erzählt nämlich, dass Kohlhase, „weil die Verbitterung so gross gewesen, zum lode des Rades verdammt worden sei, mau ihn aber mit dem Schwerte habe begnaden wollen“. Doch habe Kohlhase auf Anstiften des Nagelschmidt, der ihm