Heft 
(1902) 10
Seite
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Heinrichs v. Kleist Michael Kolilhuas.

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entgegenhielt, dass,wenn sie gleiche Brüder gewesen wären, sie auch gleiche Kappen tragen wollten, die schmählichere Art der Hinrichtung gewählt. Das Motiv wurde Kleist also schon von Haft'tiz an die Ilaud gegeben, und gewiss bedarf es nicht der Zuflucht zum Mentz, um seine Verwendung bei ihm verständlich zu finden.

Um so weniger zu bezweifeln ist, dass der Dichter eine dritte Darstellung der Kohlhaseschen Affaire nachgelesen hat, diejenige, die von Nicolaus Leutinger in seinen Commentarii deMarchia et rebus Brandenburgicis gegeben ist. Leutinger schrieb dies Werk um den Beginn des 17. .Jahrhunderts. Aber erst mehr als hundert .Jahr nach seinem Tode wurde es und gleich zweimal in dem gleichen Jahr von Joh. Willi. Krause und Georg Gottfried Küster an die Öffentlichkeit gebracht.

Dafür, dass Kleist das von Leutinger über Kohlhase Berichtete ge­kannt hat, sprechen mehrere Momente.

Ohne dass die Haft'tizische Relation etwas davon w'eiss, lässt Heinrich von Kleist Kohlhaas dreimal die Stadt Wittenberg in Brand stecken. Nun heisst es an den beiden Stellen, an denen im Leutinger von dem Mordbrenner die Rede ist (üb. I § bl) ed. Küster, lib. 1 § 48 ed. Krause und lib. III $11 ed. Küster; lib. III ed. Krause) einmal, er habe besonders in der Gegend Wittenbergs seine Räubereien getrieben (latrocinando Saxoniae, inprimis in tractu Vitebergensi) und Vorstädte angezündet (suburbia incenderet), an der zweiten Stelle ausdrücklich, er habe in Wittenberg die Vorstadt vor dem Schlossthore in Asche gelegt (suburbium ad portam, quae ad arcem ducit, per incendiarium in cineres redigit). Doch will ich nicht verhehlen, dass dieses Zusammentreffen noch nicht zu dem Schlüsse zwingt, dass Kleisten der Leutinger Vor­gelegen habe. Denn bei Schöttgen und Kreysig, welches Buch der Dichter, wie wir wissen, benutzt hat, wird in einer Anmerkung auf S. 5151 auf die zweite Stelle des märkischen Geschichtsschreibers ver­wiesen und erzähltKohlhase habe eine Vorstadt von Wittenberg an­stecken lassen und dadurch in der Stadt ein grosses Schrecken ver­ursacht. Kleist könnte zu dem Motiv also auch ohne Einsiclit in das Leutingersche Werk selbst, lediglich durch die Lektüre des Buches von Schöttgen und Kreysig, gelangt sein.

Dafür dass er aber doch den Leutinger selbst einsah, giebt es ein, wie ich meine, untrügliches Zeichen.

Den Generalissimus des sächsischen Reiches, eine von Kleist ganz frei erfundene Person, nennt er Prinz Christiern von Meissen. In manchen Ausgaben der Erzählung ist diese besondere Namensform Christiern in das hergebrachte Christian, aber natürlich unbefugter Weise, verändert. Schlägt man nun die erste Stelle bei Leutinger, die von Colhasius er­zählt, auf, so lindet man gleich, nachdem über ihn berichtet ist, die Worte Christiernus II, tune Dauiae Rex . . . Ich zweifle nicht, dass der