Heft 
(1902) 10
Seite
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Heinrichs v. Kleist Michael Kohlhaas.

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Dichter hier die Anregung empfing, gewissermassen um eine künstliche Patina aufzutragen, diese seltene, archaische Form zu wählen. Dass er auch sonst bemüht ist, über seine Erzählung mittels der Sprache einen Hauch von Altertümelei zu breiten, lehrt neben anderem der Umstand, dass er durchgängigReuter fürReiter schreibt. Auch Formen wie jetzo,Jungherr,presshaft,speisete,ruhete,auflösete, drohete u. ä. dienen diesem Zweck.

Nachdem aber erwiesen ist, dass Kleist Leutinger vor Augen gehabt hat, müssen wir nacli weiteren Spuren seiner Einwirkung suchen. In der lliat fehlt es an ihnen nicht. Ja, die Einsicht in dieses Geschichts­werk hat auf die innere Form des dichterischen Werkes Einfluss geübt und wurde für die Art der Cmiception bestimmend.

Ich habe schon bemerkt, dass Kleist das Niveau seines Helden insofern hob, als er ihn aus einem Strassenräuber zu einem Kriegs­helden machte. Und hierzu kann sehr wold Leutinger den Anstoss ge­geben haben, wenn er allein und offenbar entgegen der historischen Wahrheit in dem Zeitraum zwischen Ilafftiz und ihm hatte sich sichtlich die Sage des Stoffes in stärkerem Masse bemächtigt wenn also er allein von den Soldaten spricht, die Kohlhase um sich sammelte und vereint mit einer Räuberschar zu plötzlichen, schreckenverbreitenden Einfällen benutzte (ut manu militum latronumque turma coacta, improvisam irruptionem faciens formidabilis inultum esset lib. I § (51) ed. Küster, § 48 ed. Krause).

Von grösserer Bedeutung ist ein anderes Moment, in dem sich Kleist und Leutinger berühren und so berühren, dass man mit Recht auf die Abhängigkeit des Dichters von dem Geschichtsschreiber ge­schlossen hat.

So oft von der ErzählungMichael Kohlhaas die Rede ist, wird dem Bedauern Ausdruck gegeben, dass sie von ihrer zuerst erreichten künstlerischen Höhe herabsinkt. Indem der Dichter, so sagt man, den Boden des Realen verlässt und sich ins Gebiet des Mystischen begiebt, erlahmt das bis dahin aufs äusserste angespannte Interesse und es ist als ein Triumph seiner virtuosen Kunst zu betrachten, dass er uns überhaupt noch in der sogenannten dritten Welt, der Welt der Ahnungen, Träume und Gespenster, festzuhalten weiss. In der That macht der Dichter in der Behandlung des eigentlichen Themas: dem Bestreben des Helden, sich für ein erlittenes Unrecht Sühne zu verschaffen, erst auf dem Wege der Ordnung und als der nicht zum Ziele führt, auf dem der gewaltthätigen Selbsthilfe, in der Behandlung dieses Themas macht der Dichter plötzlich Halt, um dann einen Seitenpfad einzuschlagen. Deutlich lässt sich der Punkt bezeichnen, wo das geschieht. Michael Kohlhaas hat dank der Intervention Luthers sein Heer entlassen und sich freiwillig in das sächsische Gewahrsam begeben gegen das Ver-