Heinrichs v. Kleist Michael Kohlhaas.
323
empörung, vou der noch die Rede sein wird, in der That den Willen des Rosshändlers gebrochen habe.“ Jedenfalls kann die geschichtliche Betrachtung und aut die allein kommt es mir hier an — nicht so urteilen, die geschichtliche Betrachtung, die das Wesen eines Kunstwerkes vor allem aus der Individualität des Dichters heraus zu begreifen sucht.
In Kleists zerrissenem Gemüt lebte auch der Optimismus. Optimistisch ist die Märchendichtung „Das Käthchen von Heilbronn“, in der die unbeirrbare Liebe und Hingabe des Weibes so herrlich zum Siege gelangen. Optimistisch der „Prinz von Homburg“, in dem menschliche Milde über die strenge Satzung so schon triumphiert. Optimistisch in gewissen Sinne auch die „Hermannsschlacht“, in der die \ aterlandsliebe alle Hindernisse überwindet und die Knechtschaft zur Freiheit durchdringt. Aber nur gelegentlich wird die Nacht des Kleistischen Gemütes von dem Stern des Optimismus erleuchtet. Vorherrschend in ihm war doch der Pessimismus und von der Unvollkommenheit alles Menschlichen, der Gebrechlichkeit der Welt, wie er sicli mit Vorliebe ausdrückte, war er nur zu sehr überzeugt. Gerade im „Kohlhaas“ kommt diese seine Weltanschauung wiederholt zum Ausdruck. Selbst auf seinen schlichten Helden überträgt er seine melancholische Denkart. Noch bevor Kohlhaas von dem Unrecht beschwert ist, das ihn dazu treibt, an den Säulen von Staat und Ordnung zu rütteln, gleich im Anfang der Erzählung heisst es von ihm: „Er kehrte zur Tronkenburg zurück ohne irgend weiter ein bitteres Gefühl als das der allgemeinen Not der Welt“. (Zolling 63, 17.) Und nicht viel später noch einmal: „Denn ein richtiges, mit der gebrechlichen Einrichtung der Welt schon bekanntes Gefühl machte ihn geneigt, den Verlust der Pferde ... zu verschmerzen (ebenda 66, 13). Wer diese Grundstimmung der Kleistischen Individualität nicht übersieht, dem ist das Erlahmen des Rechtsgefühls seines Helden durchaus verständlich.
Doch darüber denke man, wie man wolle, jedenfalls ist mit der so plötzlich eingetretenen Erledigung der Rechtssache das eigentliche Thema beendet und es taucht ein ganz neues Interesse auf, das — man wird es bei einem Künstler wie Kleist nicht anders erwarten — mit dem Vorhergehenden zwar organisch verknüpft und zu einer Steigerung und Spannung benutzt ist, doch aber eine Abirrung bedeutet. Wir erfahren von einer Prophezeiung, die eine Wahrsagerin vor einiger Zeit den in Jüterbog versammelten Fürsten von Brandenburg und Sachsen verheissen hat. Nur der Brandenburger aber erhält sie wirklich. Die fiir den sächsischen Fürsten bestimmte hatte die weise Frau dem auf dem Marktplatz des Städtchens ebenfalls anwesenden Kohlhaas gegeben. Der Dichter weiss es nun herbeizuführen, dass der Kurfürst von Sachsen dem Mordbrenner auf seinem Transport von Dresden nach Berlin
21