Heft 
(1902) 10
Seite
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Heinrichs v. Kleist Michael Kohlhaas.

begegnet und an seiner Brust die Kapsel wahrnimmt, die die geheimnis­volle Prophezeiung in sich schliesst. Als er sie sieht, verfallt er in schwere Krankheit, und kaum ist er von ihr genesen, so setzt er alles daran, in den Besitz der Wahrsagung zu gelangen. Sie enthält nichts weniger als die Auskunft über das künftige Schicksal des sächsischen Herrscherhauses, dem die Gefahr des Unterganges droht. Um des Zettels habhaft zu werden, bittet der Regent den Kaiser in einem eigen­händigen Brief, die inzwischen an ihn gelaugte Klage gegen Kohlhaas zurücknehmen zu dürfen. Er fleht den Kurfürsten von Brandenburg an, dem Mordbrenner das Leben zu fristen. Ihm selbst verspricht er Freiheit und völlige Verzeihung. Umsonst. Der Rosshändler vernichtet das die Prophezeiung enthaltende Blatt.

Wer aber ist denn nun die Zigeunerin? Kleist selbst nennt sie die geheimnisvolle oder geheimnisreiche und wirklich hat er sie in einen Schleier mystischen Dunkels gehüllt. Nachdem sie in Jüterbog erschienen ist und ihre Prophezeiung halb gegeben halb vorenthalten hat, verschwindet sie und ist im ganzen Kurfürstentum Sachsen nicht auszumitteln. Dann lernen wir in Berlin ein Trödelweib kennen, dessen Ähnlichkeit mit der Wahrsagerin von einem Abgesandten des sächsischen Kurfürsten bei dem vergeblichen Versuch, dem Rosskaunn den Zettel zu entziehen, benutzt wird. Auf einmal stellt sich heraus nur schüchtern w r agt der Dichter es auszusprechen (Zolling 148, 18f.) dass beide, jene Zigeunerin und dieses Trödelweib, dieselbe Person sind. Ja, zuletzt wird sie in unbestimmter Weise mit Kohlhaasens ver­storbener Frau Lisbeth identifiziert. Sie erscheint als eine Abgesandte höherer überirdischer Mächte und der Eindruck wird erweckt, als stehe Kohlhaas durch sie mit übermenschlichen Gewalten in Verbindung.

Otto Br ahm, der letzte treffliche Biograph Heinrichs von Kleist, hat, um die, wie er meint, disparate Verbindung des ersten realistischen und des zweiten supranaturalistischen Teiles der Erzählung zu erklären, eine zuerst von Adolf Wilbrandt aufgestellte Hypothese von neuem aufgenommen und schärfer formuliert, eine Hypothese, die zugleich die vorher besprochene Burkhardtsche Ansicht, wonach sich der Dichter mit den mündlichen Informationen seines Freundes Pfnel begniigt hat und den, wie ich meine, unzweifelhaften Thatbestand, dass er einen fixierten Bericht benutzt hat, scharfsinnig verbindet. Brahm meint, dass die Erzählung, so wie sie vorliegt, nicht aus einem Gusse sei, sondern auf zwei Ansätzen beruhe. Den ersten Teil habe Kleist allein nach Pfuels Bericht entworfen. Als ihm aber, je weiter die Dichtung vorrückte, die unzureichende Kenntnis des Stoffes um so empfindlicher wurde, habe er doch noch nachträglich die gedruckte Darstellung zu Rate gezogen, aus der ihm dann neue Gesichtspunkte aufgegangen seien.