Heft 
(1902) 10
Seite
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Heinrichs v. Kleist Michael Kohlhaas.

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Es würde zu weit führen, hier auf diese Hypothese näher einzu- gehn. Es ist nicht leichter ihr zuzustimmen als sie zu widerlegen. So viel ist aber an ihr gewiss richtig, dass Kleist die Anregung zur Ein­führung der überirdischen Eingriffe aus der alten Litteratur über Kohlhase empfangen habe. Und zwar kommt hier hauptsächlich wieder Eeutinger in Betracht. In seinem Bericht heisst es von Kohlhase, nach­dem von dem Umfange seiner Macht und der Gefährlichkeit seiner Unter­nehmungen die Rede war, dass er seine Stärke ausser von der ihm eigenen Verschlagenheit von der Magie entlehnte (quia vires suas a Magia et astutia mutuaretur üb. I § 69 ed. Küster, § 48 ed. Krause) und im Anschluss daran wird hervorgehoben, dass es nicht möglich war, ihm mit Erfolg beizukommen oder ihn durch Hinterhalte abzu­fangen, wie wenn also Kohlhase mit höheren Kräften im Bunde gestanden hätte, genau wie der Dichter seinen Helden unter dem Schirm und Schutze überirdischer Mächte, als deren Vermittlerin die Zigeunerin auftritt, stehn lässt.

Ich sagte, dass für die Frage nach dem Ursprung der übersinn­lichen Momente in Kleists Erzählung hauptsächlich Leutinger in Betracht kommt. In der Tliat spielt auch schon in den Hafftizschen Bericht allerlei phantastisch-magischer Spuk hinein. So wenn es heisst: dass der Kurfürst von Brandenburg Meister Hansen, dem Scharfrichter von Berlin, welcher ein ausbündiger Schwarzkünstler war, befahl, ihm Kohlhase und seinen Anhang in die Stadt zu schaffen, und dieser es durch seine dunkle Kunst zu Wege brachte. Von einem Genossen Kohl­bases wird gleichfalls gesagt,er sei ein ausbündiger Schwartzkünstler gewesen und hin und wieder auff den Dächern als eine Katze lauffende gesehen worden. Zu der ersten Bemerkung, dass der Kurfürst von Brandenburg dem Scharfrichter den Auftrag gegeben habe, Kohlhase einzufangen, wird in der Schöttgen und Kreysigschen Ausgabe, die, wie wir wissen, Kleist vorlag, die Anmerkung gemacht, dass es dem Heraus­geber fern liege, den teuren Kurfürsten dessen zu beschuldigen, dass er von Zauberei viel gehalten habe. Er glaube vielmehr mit Leutingern (üb. XVIII p. 639 ed. Küster), dass man von ihm mehr vorgegeben, als zu beweisen stehet.Es war aber dieses, fährt er fort, ein Fehler derer damaligen Zeiten, dass man alle Klugheit und Geschwindigkeit, die man nicht sogleich begreiffen konnte, der Zauberey zuschrieb .

Diese Stellen muss man im Auge behalten, man muss Kleists Hang zum Romantischen, seine Hinneigung zum Phantastischen und Mystischen berücksichtigen, die sich ja auch imKäthchen von Heilbronn, imPrinzen von Homburg kund thun, wo der Hypnotismus eine ganz realistische Verwendung findet; man muss den Einfluss bedenken, den in der Zeit fler Entstehung der Erzählung der mystische Naturphilosoph Gotthilf Heinrich Schubert auf den Dichter ansübte (vgl. Morris, Heinrich

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