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Heinrichs v. Kleist Michael Kohlhaas.
v. Kleists Reise nach Würzburg, 1899 S. 34 ff.); man darf ferner nicht übersehen, dass er auch sonst bemüht ist, seiner Darstellung Zeitcolorit zu verleihen — und die Kühnheit, in die Erzählung einer historischen Begebenheit übersinnliche Momente zu verweben, erscheint nicht mehr so unbegreiflich. Es ist echt Kleistische Naivität. —
Ich habe nun wohl deutlich gemacht, dass Kleist zwei Berichte über den historischen Kohlhase für seine Erzählung benutzt hat: Peter Hafftiz’ Mikrochrouikon und Nicolaus Leutingers Geschichte der Mark Brandenburg. Ich bin überzeugt, dass er auch noch andere historische oder kulturgeschichtliche Werke zu Rate gezogen hat, besonders solche, die ihm über die inneren Zustände des damaligen Sachsen Belehrung geben konnten. Denn wie sehr er auch von der wirklichen Geschichte abweicht, wie unhistorisch beispielsweise das Charakterbild seines Kurfürsten im Vergleich zu dem standhaften .Johann Friedrich, wie ihn die Geschichte kennt, ausgefallen ist und obgleich er alle Personen aus der näheren oder weiteren Umgebung des Herrschers völlig frei erfunden hat, so kann ich mich bei der so eindringlichen und intimen Schilderung des Treibens am Hofe doch nicht entschiiessen zu glauben, er sei darin ohne alle äussere Anregung geblieben und lediglich dem gefolgt, was ihm seine Phantasie hergab. Leider fehlen mir die Kenntnisse dieser historischen Gebiete, die für eine Nachspürung der Fährten, die der Dichter eingeschlagen haben kann, erforderlich sind. Es kann auch sein, dass er die Verhältnisse eines anderen Bändchens, die ihm bekannt waren, wenn sie auch einer späteren Zeit angehörten, mit poetischer Licenz auf das damalige Sachsen übertrug. Jedenfalls muss die Foi’sclmng diesen Punkt noch ins Auge fassen.
Gegen die Gesetze einer guten Composition sündigend, indem ich voraussetzte, was bei einer richtigen Disposition des Stoffes vorher hätte mitgeteilt werden müssen, habe ich im Laufe dieser Betrachtungen schon manche Einzelheiten der historischen Überlieferung wie der Kleistischen Erzählung zur Sprache gebracht, ohne im Zusammenhang die eine und die andere besprochen und mit einander verglichen zu haben.
Ich will das nun nachholen.
Kurz zusammengefasst ist das, was Kleist in den Quellen fand, wenn ich von dem, was er Leutinger entnahm und was schon besprochen ist, absehe, etwa folgendes:
Als Kohlhase einmal Pferde nach Sachsen führt, um sie zu verkaufen, behauptet einer von Adel — aus Schöttgens und Kreysigs Nachlese (S. 529 Anin.) ersah Kleist, dass er den Namen Günther von Zaschwitz trug, dass aber nicht er die Äusserung fallen liess, sondern auf seinen Befehl Untersassen von ihm es thaten — sie behaupten, dass Kohlhase die Pferde gestohlen habe. Er lässt sie auf des Edelmanns