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Heinrichs v. Kleist Michael Kohlhaas.
Haus Gürgen Nagelschmidt liinter der Feuerinaner stehend gefunden wurde, ward „ungeachtet er dessen keine Wissenschaft getragen“, gefänglich eingezogen und auf dem Neuen Markt enthauptet. „Und ob man wohl der Frauen das Leben hat schenken wollen, hat sie es docli nicht timen (d. h. sich schenckeu lassen) wollen, sondern ehe sie beide gerichtet worden, hat sie ihren Mann freundlich umfangen und mit einem Kuss gesegnet und weil sie alle beide alte verlebte Leute gewesen, sind sie auf einem Stuhle sitzend enthauptet worden“.
Man sieht abgesehen von diesen prächtigen, genremässigen Zügen, von denen Kleist übrigens keinen Gebrauch gemacht hat, ist es eine dürre Überlieferung. Von einer Charakterschilderung sind nur dürftige Keime vorhanden und diese hat der naive Chronist gewiss unbewusst ausgestreut. Und gerade das, was den Poeteu an dem Stoffe reizte, was ihn dazu trieb, ihn zu behandeln, das eigentliche Problem: wie ein Mann aus Rechtsgefühl zum Räuber und Mörder wird, das tritt nur am Eingang ganz schattenhaft auf. Die durchgreifendste Änderung, die Kleist an der Überlieferung vornahm, liegt denn auch nach dieser Richtung hin. Ihm kam es darauf an, an einem bestimmten konkreten Falle zu zeigen, wie nahe bei einander in der menschlichen Brust gut und böse, Tugend und Sünde wohnen und zu erzählen, wie ein schlichter und gottesfürchtiger Mann aus verletztem Rechtsgefühl zum Verbrecher wird und ein tragisches Ende findet. Alle Kunst wendet er an, uns diesen Fall menschlich begreiflich zu machen und nicht genug kann er sich in der Erfindung von Details thun, um uns mit der Überzeugung zu erfüllen, dass all die Bosheiten, Ungerechtigkeiten, Enttäuschungen, die der unglückliche Mann erleidet, ihn zu dem Schritte treiben mussten. Und bis zu dem Punkt des Umschlags, von dem ich schon gesprochen habe, weiss er uns die Geschehnisse mit einer bewunderungswürdigen Einfachheit, Stärke und Schärfe der Darstellung und einer beispiellosen Fähigkeit stufenmässiger Steigerung vorzuführen. Von diesem quellenden Reichtum kann ich hier nur einen schwachen Abglanz geben, von dem voll ausgeführten Gemälde nur eine dürftige Skizze.
Der Rosshändler Kohlhaas reitet mit einer Koppel junger Pferde ins Ausland. Auf sächsischem Gebiete erfährt er eine unerwartete Erschwerung. Er soll nicht nur Zoll bezahlen, während er bisher die Stelle frei passiert hatte, sondern auch einen Pass vorzeigen, worin ihm die ausdrückliche Erlaubnis erteilt sei, die Pferde über die Grenze zu bringen. Den Zoll entrichtet Kohlhaas ohne Sträuben. Von dem Erlaubnisschein wusste er nichts und besitzt ihn daher auch nicht. Nach langen Verhandlungen mit dem hartnäckigen Vogt, zu denen der Junker von Tronka selbst hinzutritt, einigt man sich dahin, dass der Rosskamm den Schein nachträglich in Dresden löse. Des zum Pfände lässt er auf Verlangen des Vogtes ein Paar prächtiger Kappen zurück,