Heft 
(1902) 10
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Heinrichs v. Kleist Michael Kohlhaas.

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die dem Junker, seiner übermütigen Umgebung und seinem Gesinde schon lange in die Augen gestochen hatten. Zur Wartung giebt er ihnen seinen treuen Knecht Herse bei.

In Dresden erführt er, was ihm schon ahnte, dass die Geschichte von dem Passschein ein Märchen sei. Er kommt zur Tronkenburg zurück und hört, dass man seinen Knecht ungebührlichen Betragens halber, wie es heisst, wenige Tage, nachdem er ihn zurückgelassen, zerprügelt und weggejagt habe. Statt der glatten und wohlgenährten Rappen aber findet er dürre, abgehärmte Mähren. Er stellt den Schloss- vogt, später den Junker selbst zur Rede und man sagt ihm auf die krage, um welchen Versehens halber der Knecht aus der Burg entfernt worden sei, dass er sich als einen trotzigen Schlingel erwiesen und sich gegen einen notwendigen Stall Wechsel gesträubt habe. Die Pferde alter hätte man, damit sie ihr Futter abverdienten, ein wenig zu den Erntearbeiten verwendet. Kohlhaas, der die schändliche und abgekartete Gewaltthätigkeit wohl durchschaut, ist gleichwohl entschlossen, im Gefühl seiner Ohnmacht den Ingrimm zu verbeissen, aber die scliain- und rücksichtslose Roheit, mit der ihm, dem so schmählich Gekränkten, bei seinen sachlichen Fragen der Vogt und auch der Junker begegnen, erregen ihm noch mehr die Galle und rufen seinen ganzen Trotz auf.. Er weigert sich die Pferde zurückzunehmen und verlässt die Burg, um in Dresden, der Hauptstadt, klagbar zu werden. Doch er will sich seines Rechtes völlig vergewissern und beschliesst, vorher nach Kohl- haasenbriick zurückzukehren, um sich durch Vernehmung des Knechtes zu überzeugen, ob ihm nicht vielleicht doch eine Art Schuld beizu­messen sei. In diesem Falle wollte er den Verlust der Pferde als eine gerechte Folge davon verschmerzen. Zugleich aberfasste das Gefühl tiefere und tiefere Wurzeln in dem Masse, als er weiter ritt und über­all, wo er einkehrte, von den Ungerechtigkeiten hörte, die täglich auf der Tronkenburg gegen die Reisenden verübt wurden: dass, wenn der ganze Vorfall, wie es allen Anschein habe, bloss abgekartet sein sollte, er mit seinen Kräften der Welt in der Pflicht verfallen sei, sich Genugthuung für die erlittene Kränkung und Sicherheit für zukünftige seinen Mitbürgern zu verschaffen.

In Kohlhaasenbrück, wohin, wie der Rosskamm richtig vermutet hatte, der zerschlagene Knecht zurückgekehrt war, erfährt er aus einem eingehenden, mit echt Kleistischer Kunst des Inquisitoriums dar­gestellten Verhör, dass der brave Herse frei von jeder Schuld ist, in aller Bescheidenheit nur das Recht seines Herrn wahrgenommen und lediglich so gehandelt habe, wie es ihm die aufgetragene Pflicht der Obhut der Pferde vorschrieb. Und nun ist Kohlhaas im Einverständnis mit, seiner wackeren Frau Lisbeth, die es für ein Werk Gottes erklärt,