Heft 
(1902) 10
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Heinrichs v. Kleist Michael Kolilhaas.

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eingestellt, einst von dem Kastellan des kurfürstlichen Schlosses um­worben wurde und noch immer seiner Zuneigung gewiss sein kann.

Allein dieser Schritt erweist sich als den allerunglücklichsten von den bisher gethanen. Die Frau wird bei ihrem Versuche, an die Person des Landesherrn heranzukommen, von einem Lanzenstoss, den sie vor die Brust erhält, tödlich getroffen, und sterbend wird sie in Kohlhaasens Haus gebracht. Und eben ist das pomphafte Leichenbegängnis, das weniger für sie als für eine Fürstin angeordnet schien, beendet, so er­hält er auf die Bittschrift die landesherrliche Resolution: er solle die Pferde von der Tronkenburg abholen und bei Strafe, in das Gefängnis geworfen zu werden, nicht weiter in dieser Sache einkoinmen.

Da ist seine Langmut erschöpft. Er schickt dem Junker Wenzel von Tronka einen Rechtsschluss, in dem er ihn kraft der ihm ange­borenen Macht verdammt, die Rappen, die er ihm abgenommen und auf den Feldern zu Grunde gerichtet habe, binnen drei Tagen nach Sicht nach Kohlhaasenbriick zu führen und in Person in seinen Ställen dick zu füttern. Als die drei Tage verflossen sind, ohne dass die Pferde über­liefert worden sind, bricht er mit sieben Knechten nach der Tronkenburg auf, stürmt sie und brennt das ganze Schloss bis auf die Mauern nieder. Des Junkers Wenzel von Tronka freilich, den gefangen zu nehmen er am meisten begierig war, vermag er nicht habhaft zu werden. Er ist während des Sturmes entkommen. Rachedürstig folgt er seiner Spur und als er erfährt, dass er sich in Wittenberg befindet, bricht er dahin auf, entschlossen die Stadt einzuäschern, wenn sie ihm nicht den Tod­feind ausliefere.

Wie er nun Wittenberg dreimal in Brand setzt, wie seine Schar zu einem Kriegshaufen anschwillt und wie er dem Lande gefährlich wird, davon war oben bereits die Rede. Schon steht er vor Leipzig und steckt die Stadt an drei Seiten in Brand. Ganz Sachsen, insbesondere die Residenz, wohin nach einem falschen, auch zu Kolilhaas gelangten Ge­rücht der Junker geflüchtet sein soll, ergreift die ärgste Bestürzung. Da legt sich Luther ins Mittel. Wir haben schon gesehn, dass Kleist den Zug in der Quelle fand, und dies Motiv wird nicht am wenigsten zu dem Reize beigetragen haben, den die naive Darstellung des Chronisten auf den Dichter ausübte. Die Unterredung der beiden Männer selbst aber, ein Meisterstück für sich, ist seine freie Erfindung, wie auch das öffentliche Schreiben des Reformators an den Mordbrenner in seinem prächtigen Wortlaut ganz und gar Kleistens Geist entsprungen ist. Die Quelle verzeichnet nur die Thatsache selbst. Die Untenedung bildet den Angelpunkt der Erzählung. Es gilt von ihr, was Schillei von der Helena-Episode in Goethes Faust an den Dichter schrieb: es ist der Gipfel, der von allen Punkten des Ganzen gesehen werden muss U| nl nach allen hinsieht.