Heft 
(1902) 10
Seite
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Heinrichs v. Kleist Michael Kohlhaas.

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Hinzuzufügen ist noch, was ich gleichfalls bereits angedeutet habe, dass dabei die Mitwirkung der kaiserlichen Regierung zu seinen Ungunsten im Spiele ist, insofern er als Brecher des kaiserlichen Landfriedens der Strafe verfallen ist. In dein ihm von Sachsen bewilligten freien Geleit ist der Umstand wie durch ein Versehen ausser Acht gelassen, so dass von dieser Seite aus ein neues Moment der Schuld des Helden gewonnen ist. Für das ausserordentlich sorgfältige Bemühen des Dichters, den lod Kohlhaasens auf alle Fälle als notwendig erscheinen zu lassen, ist das kein unwichtiger Punkt. Er ist darum auch mit feiner Kunst von langer Hand vorbereitet.

Nachdem so das Schicksal des Helden entschieden ist, kommt durch die ebenfalls schon besprochene Einmischung des Übersinnlichen ein neues Element der Spannung in die Erzählung. Das leidenschaftliche Verlangen des Kurfürsten von Sachsen weckt die Hoffnung auf Rettung. Allein wir wissen, sie wird zu Schanden. Kohlhaasens Starrsinn, sein Lebensüberdruss, seine pessimistische Überzeugung, wiederum betrogen zu werden, vor allem aber das überwältigende Verlangen, Rache zu üben, treiben ihn dazu, dem Regenten den brennenden Wunsch zu versagen.

Ich wiederhole: nur ein kahler Abriss ist diese Übersicht. Aber auch sie schon wird einen Begriff von der Fülle geben, mit der Kleist das Knochengerüst der Überlieferung umkleidet hat. Er hat die Voi-- lage aus Eigenem so bereichert und vertieft, dass man getrost sagen kann: seine Erzählung ist ein Phantasiegemälde. Wie er dann den Hauptmotiven den Atem des Lebens lieh, indem er eine unendliche Menge von Nebenmotiven, besonders von der Art der genremässigen Kleinmalerei hinzu erfand, wie er der Darstellung der Vorgänge die denkbar grösste Anschaulichkeit und Sinnfälligkeit zu geben wusste, das muss man selbst nachlesen.

Nur einen, die innere Form betreffenden Punkt will ich hervor­heben, weil er wichtig ist für die Art, in der Kleist das Problem er­fasste. Es handelt sich um das schwierige Moment der Tragik. Auch Kleist wusste, dass die echte Tragik unschuldig - schuldig ist. Nun ist ja Kohlhaas von vornherein, indem er in dieser, die Grundlagen der menschlichen Ordnung erschütternden Weise zur Selbsthilfe greift, der Schuld verfallen. Allein auf der andern Seite ist, was er thut, mit Kleist zu reden, doch nur eine Ausschweifung in der Tugend, indem ihn eine schätzenswerte Eigenschaft, das Rechtsgefiihl, zum Räuber und Mörder macht. Sie ist, rein menschlich betrachtet, die Reaktion einer natürlichen und gesunden Empfindung. Deshalb ist der Dichter bemüht, ihn noch auf andere Weise innerlich in Schuld zu verstricken. So lässt er mit feiner Psychologie in dem schlichten, bescheidenen Mann Selbst­überhebung und Grössenwahn Wurzel fassen. Kaum hat Kohlhaas die 1 ronkenburg gestürmt und seine Schar sich veimeinen sehen, so er-