Heinrichs v. Kleist Michael Kolilhnas.
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lässt er Mandate, in denen er sich einen „reichs- und weltfreieu, Gott allein unterworfenen Herrn“ nennt. Der Dichter säumt nicht, das Verfahren „eine Schwärmerei krankhafter und missgeschaffener Art“ zu nennen. (Zolling 4, 89, 5). Später, als er das Lützener Schloss überrumpelt und sich dort festgesetzt hat, fühlt er sich von neuem wie einen regierenden Herren und verfasst ein Mandat, worin er sich „einen Statthalter Michaels, des Erzengels“, nennt, „der gekommen sei, an allen, die in dieser Streitsache des Junkers Partei ergreifen würden, mit Feuer und Schwert die Arglist, in welche die ganze Welt versunken sei, zu bestrafen“. Und dies Mandat war mit einer Art Verrückung, wie der Dichter sagt, unterzeichnet: Gegeben auf dem Sitz unserer provisorischen Weltregierung, dem Erzschlosse zu Lützen (Z. 4, 94, 0). Auch wie er sich jetzt dem Volke zeigt, ist bezeichnend für den Wahn, dem er verfallen ist: ein grosses Cherubsschwert auf einem rotledernen Kissen, mit (Quasten von Gold verziert, wird ihm vorangetragen und zwölf Knechte mit brennenden Fackeln folgen ihm (ebenda 91», 30).
Endlich aber kann ich auf die Frage Antwort zu geben versuchen: was trieb Kleist dazu, diesen Stoff' zn bearbeiten und ihn mit so sichtlicher Liebe zu behandeln?
Ich meine, dass sich eine so innige Verwandtschaft zwischen dem Wesen eines künstlerischen Vorwurfs und der Individualität des Dichters, wie sie sich uns hier bietet, nicht immer findet. Der Stoff war seiner Emplindungsweise durchaus homogen. Kleist war Zeit seines Lebens ein kräftiger Hasser. Er liebte so zu sagen den Hass. Das bewies er als Mensch wie als Künstler. Als Mensch z. B. in seinem Verhältnis zu Goethe, den er einst mit anbetender Liebe verehrte, um ihn später, als er sich von ihm geschädigt glaubte, mit dem kleinlichsten Hasse zu verfolgen. Auch gegenüber Iffland Hess er sich, als er das „Käthchen von Heilbronn“ nicht zur Aufführung annahm, zu einem unschönen, lediglich von der Leidenschaft eingegebenen Verhalten hiureissen. Als Künstler hat er den Hass immer wieder behandelt. Man könnte ihn mit einigem Recht den Sänger des Hasses nennen. In der „Familie Schroffenstein“ bildet der Hass das Grundthema. In der „Penthesilea“ erscheint er als die Kehrseite der Liebe, die, verletzt und gekränkt, in das lodernde Gefühl der Rache umschlägt. Ähnliches gewahren wir in der „Hermannsschlacht“, wo Thusnelda, die sich vom römischen Legaten Ventidius geliebt glaubt, von dem grausamsten, ja blutgierigen Hass erfüllt wird, als sie die Heuchelei des galanten Anbeters durchschaut. Am wütendsten lässt Kleist die Empfindung des Hasses sich in der grauenvollen Novelle „Der Findling“ austoben, wo der in seiner Ehre gekränkte, um seine Gattin gebrachte Piachi den bübischen Pflegesohn erdrosselt und, als er das Schaffot besteigt, sich weigert, das Abendmahl zu empfangen. An drei hintereinander folgenden