Heinrichs v. Kleist Michael Kohlhaas.
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Tagen versucht inan immer vergebens, ihn dazu zu bewegen. „Er will nicht selig sein. Er will in den untersten Grund der Hölle hinab- fahren. Er will den Ptlegesohn Nicolo, der nicht im Himmel sein wird, wiedertinden und seine Rache, die er auf der Erde nur unvollständig befriedigen konnte, wieder aufnehmen.“ Also: Hass und Rache darzustellen, dazu war Kleists zerrissene Seele nur allzu sehr gestimmt. Aber er hatte auch einen Hang zum Lehrhaften, wie das seine Briefe an die Braut, Wilhelmine von Zenge, mit so naiver Drastik beweisen. Nie wohl hat ein Dichter seiner Geliebten gegenüber so den Schulmeister gespielt, wie es hier Heinrich von Kleist thut. Wie sehr musste es ihn daher treiben, einmal an einem einleuchtenden Beispiel aus dem Bereiche der Wirklichkeit, an einem eminenten, ins Staatsleben eingreifenden Falle die natürliche, man kann sagen berechtigte Entwickelung des Hasses und der Rache zu demonstrieren! Wie sehr Kleist von der Gebrechlichkeit der Welt, der ungeheuren Unordnung, in der sie sich befindet, überzeugt war, hab ich schon bemerkt. Davon dass der Mensch verpflichtet sei, ihr entgegenzuwirken und sie zu heilen, war er nicht minder durchdrungen, und an Gelüsten, die Welt zu verbessern hat es ilun nie gefehlt. Andrerseits stand ihm auch die tragische Unfruchtbarkeit solcher Bemühungen nur allzu deutlich vor Augen.
Man sieht: von den vielen sichtbaren und unsichtbaren, inneren und äusseren, notwendigen und zufälligen Momenten, die bei der Conception eines Kunstwerkes wirksam sind, drängen sich einige so sichtbar auf, dass die Wahl dieses Stoffes verständlich erscheint. Je mehr aber der Dichter ihn aus seiner persönlichen Empfindungsweise heraus ergriff, um so bewunderungswürdiger ist die echt epische Ruhe, Sachlichkeit und Objektivität, ja ich möchte sagen Gerechtigkeit, mit der er ihn behandelt. Wir sahen schon, wie er bemüht ist, jeden Zweifel an der Schuld seines Helden, dem er doch so viel von dem eigenen Charakter gab, zu zerstreuen. Ein schönes, wichtiges Motiv ist noch ganz deutlich zu diesem Zwecke erfunden, vielmehr eine Angabe der Quelle zu diesem Behuf ausgenutzt, aber — und das ist besonders bezeichnend — gerade in ihr Gegenteil verkehrt. Hafftiz erzählt, dass Kohlhaase bei seinem Besuche Luthers „dem Doctor gebeichtet und das hochwürdige Sacrament empfangen habe“. Kleist dagegen lässt den Kohlhaas Luther bitten, „ohne weitere Vorbereitung seine Beichte zu empfangen und ihm zur Auswechslung dagegen die Wohlthat des heiligen Sacraments zu erteilen“. Luther ist dazu bereit, wenn der Rosshändler seinem Feind vergeben will. Er aber weigert sich dessen. Als er dann noch einmal beim Weggehen sagt: „Und so kann ich, hoch würdigster Herr, der Wohlthat versöhnt zu werden, die ich mir von euch erbat, nicht teilhaftig werden?“, antwortet Luther