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Heinrichs v. Kleist Michael Kohlhaas.
kurz: „Deinem Heiland, nein!“ und entlässt Kohlhaas. Kurz vor seiner Hinrichtung — dass Luther jetzt Nachsicht walten lässt, begreift man — empfängt er dann durch einen von ihm Abgesandten die Wohlthat der heiligen Communion.
Gleichwohl hat aber das dem Kleistischen Gemüt so eingeborene Gefühl der Rache auch auf die Conception der wunderlichen Schlusspartie, wie ich meine, bestimmend gewirkt. Und so seltsam dieser Teil uns anmutet, sieht man ihn auf die Tendenzen des Dichters hin an, so erscheint er nicht nur begreiflich, wie wir (oben S. 325 f.) gesehen haben, sondern auch in einem günstigeren Lichte. Für Kleist, der doch immerhin ein märkischer Junker war, durchdrungen vom Staatsgefühl und überzeugt von der unerschütterlichen Berechtigung der Staatsordnung, war, wie ich schon einmal (S. 335) bemerkt habe, der für sein Recht kämpfende Kohlhaas im Unrecht. Summum jus summa injuria! Von vornherein stand für ihn fest, dass er durch seinen Tod die Welt wegen des allzu raschen Versuches, sich selbst in ihr Recht verschaffen zu wollen, versöhnen musste. Zugleich aber war die Sache, für die er alles einsetzte, eine edle. Musste er also für das Unrecht den Tod leiden, so musste er andrerseits für das tapfere und mannhafte Eintreten für das Recht und die Allgemeinheit eine Genugthuung erfahren. Wie aber das machen? ln diesem Dilemma, Unmögliches zu vereinigen hat Kleist nach meinem Gefühl mit dem Einschieben der Prophezeiung einen in seiner Art genialen Ausweg gefunden. Er lässt ihn zwar nicht an seinem Hauptfeinde, dem Junker Wenzel von Tronka, rächen, dafür aber an seinem anderen Feind, dem Kurfürsten von Sachsen, der ihm so schmählich die Amnestie gebrochen hat. Indem Kohlhaas lieber den Tod erleidet, als dass er dem Kurfürsten die Prophezeiung ausliefert, an der ihm alles gelegen ist und deren Verlust ihm vermutlich selbst den Tod bereiten wird, indem er den verhängnisvollen Zettel vor seinen Augen liest und dann verschlingt, erlebt er eine nach Kleistischer Auffassung wahrhaft monumentale Genugthuung. Dazu ist ihm die Freude gegönnt, dass er seine lieben Rappen von Wohlsein glänzend wieder erhält und ihren feisten Hals klopfen kann. Auch wird ihm der ganze erlittene Schaden ersetzt und endlich erfährt er, dass der Junker zu zweijähriger Gefängnisstrafe verurteilt sei. Von Gefühlen ganz überwältigt gesteht er, dass sein höchster Wunsch auf Erden erfüllt sei und heiter und befriedigt verlässt er die Welt.
Aber gleichzeitig hat Kleist, indem er seinen Helden in dieser Weise an dem Kurfürsten von Sachsen Rache nehmen lässt, seinem eigenen patriotischen Hasse Luft gemacht. Das hat Adolf Wilbrandt geistreich und treffend dargethan (Heinrich von Kleist S. 335). Er zeigte, wie „dem leidenschaftlich empfindenden Vaterlandsfreund unter den schmählichen Helfershelfern, die Napoleon an deutschen Fürsten fand,