Kleine Mitteilungen.
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keiner verderblicher und hassens werter erschien als der sächsische Kurfürst, der sich durch Verrat an Preussen im Jahre 1806 und durch den Beitritt zum Rheinbund den Königstitel erkauft hatte. An diesem Verräter galt es Rache zu üben. Sein Reich musste ihm, wenn die gute Sache siegen sollte, genommen und durch das preussische Schwert musste es ihm genommen werden. So flocht der von seinem Zorn verfolgte Dichter in die Geschichte seines Kohlhaas mittels Erfindung des geheimnisvollen Zettels, der dem Hause Brandenburg eine lange Dauer und Blüte versprach, dem sächsischen aber den Untergang prophezeite, seine eigene Stimmung hinein. Was er enthält, spricht seine geheimen Wünsche aus und in der höhnischen, genussvollen Rache, die er den Rosshändler an dem gepeinigten Fürsten nehmen liess, gönnte er sich selbst die Befriedigung, sein Gefühl gegen den königlichen Verräter zu entladen.“
Wilbrandt tadelt es, dass der Dichter so die persönliche Empfindung in seine Schöpfung einströmen liess. Aber macht nicht das Durchdringen des Stoffes mit dem eigenen starken Wesen gerade den Dichter? Und wer will entscheiden, wann darin die dem Künstler gezogene Grenze überschritten ist, wann nicht? Ich finde auch in diesem Zuge den ganzen echten Kleist, wie er der heutigen Generation so lieb und teuer geworden ist: den stark empfindenden, leidenschaftlichen, meinetwegen rachsüchtigen und hasserfüllten, aber zugleich von der tiefsten Liebe zum Vaterland getragenen Mann. Wäre er nicht so beschaffen gewesen, er hätte uns auch den „Michael Kohlhaas“ nicht geschenkt, eine Schöpfung, die, wenn sie auch nicht schlackenrein ist, ebenso sehr wegen ihres geistigen wie wegen ihres künstlerischen Gehaltes zu den Meisterwerken unserer Litteratnr gehört.
Kleine Mitteilungen.
Märkische Kleinbahn-Bezeichnungen im Volksmunde. Die Bahn l’aulinenaue—Neu Ruppin heisst die „s till e PajUine“. — Die Bahn Berlin- Kremmen heisst die „l ahm e Karline“. — Die Bahn Neustadt—Pritzwalk heisst der „tolle Hengst“. — Die Bahn Paulinenaue—Rathenow heisst die »zahme JosepJiine“ oder die „Loreley“. (Die Schienen sind sehr schmal und die Wagen sollen etwas schwanken wie der Kahn des Schiffers H. Heine’s Gedicht. Die andere Erklärung lautet: „w r eil diese Kleinbahn hauptsächlich zur Beförderung von Lowries dient“.) 0. Monke.