Heft 
(1911) 19
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Kleine Mitteilungen.

mehrenden Menschengeschlechte damals paßrechte W'ohnbäume zur Ver­fügung, man half künstlich nach, indem man Pfähle in das Erdreich trieb, diese mit Baumzweigen als Sehutzwand verflocht, zunächst noch hoch oben über dem Erdreich oder dem Wasser schwebend, als ein besserer Schutz gegen tierische Angriffe, die sogenannten Pfahlbauten, als deren Nachkömm­linge, die Laubenhäuser oder Löwinge gelten können. Das Dach dieser Gebäude, seine Konstruktion war immer nach dem Baumasyl nachgebildet, es gleicht einem Gewirr von Zweigen mit Laub und Röhrichtabdichtung als oben Schicht. Auch heut ist die Ähnlichkeit zwischen Baum und Bau­werk nicht ganz verwischt worden z. B. überraschend bei der 700 jährigen Holzkirehe zu Borgund in Norwegen. Um gegen Witterungsunbilden, besonders in unsern Breiten im W T inter besser geschützt zu sein, brauchte man jetzt in den Besitz von vervollkommneten Waffen, in der Verwendung von Feuer und Licht, wie der Haustiere gelangt, nicht mehr so ängstlich den wilden Tieren auszuweichen, ja man zähmte sie und verlegte kühn seine Schlaf- und Zufluchtsstätten von der Höhe herab in Erdspalten, Höhlen, die mit Pfahlwerk, mit Feuerbränden gegen eindringendes Raubzeug ver­teidigt werden konnten. Aber auch solche Höhlen waren nicht überall und in ausreichender Anzahl vorhanden, besonders zu Winterzeiten und da ward der menschliche Erflndungsgeist tätig, künstliche Höhlen nachzubilden, in Gestalt von Kuten als abgedeckte Wohngruben aus denen in Zeitläuften die tungs (tungara) Koten oder Katen entstanden.

Die Wandungen dieser zumeist, in weiches Erdreich gearbeiteten Wohn­gruben waren nicht immer stabil und glatt genug und mußten durch Pfähle und Flechtwerk wie man es kannte, gegen Abbröckeln geschützt und ver­bessert werden. Im Laufe der Weiterentwicklung und des Hand in Hand damit gehenden geistigen Übergewichts des Menschen über die andere Kreatur, wuchs auch das Dach seiner Behausung und deren Seitenwände immer mehr aus dem Erdbereich heraus und der bisherige Unterschied zwischen Sommer- und Winterwohnung verschwand allmählich in unsern Breiten. Mit dem Emporwachsen der menschlichen Behausung lagen die geflochtenen Seitenwandungen frei aus dem Erdbereich und sie mußten künst­lich durch Bewurf oder eine Ausfüllung von weichgemachtem Lehm oder Ton gedichtet werden, den man glättete und späterhin färbte, wobei das Tierblut und sauergewordene Milch bereits als Bindekräfte der Anstriche Verwendung fanden.

Zum eigentlichen Flecht- oder Kiddelwerk der Wände bevorzugte man in unsern Breiten Birkenreisig, Wachholder- und andere Nadelholzbüsche, Binsen, Rohr und schließlich auch Stroh. Das Flechtwerk wurde häufig und bei besserer Ausstattung in doppelten Kettenreihen oderGarnen von W T andungen ausgeführt, um durch Zwischenfüllungen wärmer zu halten. Damit der abwechselnd dem Sonnenschein und der Regeneinwirkung aus­gesetzte Lehmbewurf nicht so schnell rissig und sprüngig werden möchte, mengte man demselben Zusätze von Laub, Nadelholztanger, trockne Moose, Farnkrautblätter, Schachtelhalm usw. bei. Das~wird wohl die Ursache der Gleßsteinbildungen sein, wenn dieser Bewurf absichtlich oder unbeab-