Der Rabe in der Volkskunde.
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schicken den schneeweißen Raben wieder aus, die Größe der Erde anzusehen. Der schneeweiße Rabe kam von seinem Fluge erst um Mittag heim, so groß war die Erde schon geworden.“ — Dann kehrt der Rabe erst am Abend wieder. Inzwischen hatte er von einem toten Menschen Nahrung genommen. Dafür wurde der Rabe verdammt, fortan von toten Körpern sich zu ernähren. — S. 65. Bei den Indianern ist neben andern Tieren auch der Rabe ausgesandt worden, die Größe der Erde auszumessen.
E. L. Rochholz, Deutscher Unsterblichkeitsglaube. (Berlin, Dümmler; 1867.) S. 156. Die Seelen Erlöster schweben davon in Taubengestalt, die der Verwünschten und Erhängten verwandeln sich in Raben. — Raben in einer Reihe auf dem Hausgiebel sitzend, deuten auf eine Reihe der schwarzen Leichenträger. Sitzen sie auf dem Hause, in dem eine Leiche liegt, so hat dieser hier Verstorbene bei Lebzeiten viel Schlimmes getan. Damit übereinstimmend erzählt die ahd. Kaiserchronik von Nero’s Tode (in Diemer’s Ausgabe, S. 131, Vers 29):
die tiuel körnen dar mit ainer micheln fear in swarzer uogle pilede.
Rabe und Krähe werden mit einander verwechselt; beider Grabschrei tönt: Geld weg!
Adalbert Kuhn, Märkische Sagen und Märchen. (Berlin, G. Reimer; 1843.) S. 215. [Rabe oder Krähe?] Dem Erbauer und ersten Beherrscher der Stadt Prenzlau, namens Primislaw, kam einst ein goldner Siegelring fort, und er argwöhnte, daß ein Knappe denselben gestohlen habe; dieser leugnete zwar die Tat, wurde aber dessenungeachtet, da alle Umstände gegen ihn sprachen, von der Spitze des Mittelturms, der jetzt mitten in der Stadt ist, ehemals aber an der Stadtmauer lag, hinabgestürzt. Lange Zeit darauf jagte Primislaw einmal in dem vor Prenzlau gelegenen Walde und ließ sich, um sein Mittagsmahl einzunehmen, mit seinen Begleitern gerade an einer Stelle nieder, wo man eben mit dem Fällen einer Eiche beschäftigt war. Der Baum fiel, und man entdeckte in seiner Spitze ein Krähennest, in welchem sich zum größten Erstaunen aller Anwesenden der vermißte Siegelring des Fürsten fand. Dieser kehrte tief ergriffen sogleich nach Prenzlau zurück und ließ aus dem Holz der gefällten Eiche das Bild einer Krähe anfertigen, das man noch jetzt auf dem Mittelturm der Stadt gewahrt. — [Dazu äußerte sich Hr. Rektor Monke-Berlin am 8. Dez. v. J.: „Sonderbarerweise überschreibt S.diese Sage „Der Rabe auf dem Mittelturm
zu Prenzlau“ und redet im weiteren Verlauf von einem Krähennest. Man verwechselt bekanntlich immer Krähe und Rabe und hält womöglich beide für ein und dasselbe Tier. In Brandenburg a. d. H. schwankt man zwischen dem Raben und dem Adler, und das ist weit lehrreicher, denn es weist auf die gemeinsamen Beziehungen zu Wodan hin.“ — In meinem Vortrage sagte ich: es läge bei Kuhn wohl Verwechslung vor; Hr. Monke hatte