224
26. (9. ordentliche) Versammlung des XVIII. Vereinsjahres.
Herr Dr. Pfeiffer zeigt, wie der Mensch in der älteren Steinzeit bereits die erlegten Jagdtiere nach bestimmten Gesetzen zerlegte, um Fell, Haut, Fleisch, Fett, Mark und Knochen für kulinarische und um die Knochen als Gerät auszunutzen, verfahren ist. Man sieht, daß die Handwerksgebräuche unserer Fleischer und Gerber in ihren Anfängen bis in die grauste Vorgeschichte des Menschengeschlechts zurückreichen. Herr Pfeiffer hat nicht blos die Überreste der Knochen und Knochengeräte sowie die steinernen Bearbeitungswerkzeuge gesammelt und auf Tafeln geordnet, sondern auch überzeugender Weise selbst Geräte konstruiert, wie sie, mit aller Wahrscheinlichkeit, der Vor- und der Urmensch besaß und zu seiner Lebens- und Wirtschaftsführung zweckmäßig benutzte. Auch der Kannibalismus, der leider nach den kroatischen Funden von Krapina, ferner in Mähren, Belgien, Frankreich unzweideutig herrschte, ist für Thüringen anzunehmen. Die Höhlung des Menschenschädels wurde abgesprengt und zum Trinken benutzt, gerade wie dies innerhalb des katholischen Ritus beim Trinken der sogenannten Johannis-Minne und bei dem Longobarden- könig Alboin*) vorgekommen.
Fs werden sonst noch dargestellt Hackbretter aus Knochen vom Nashorn und Pferd; Knochen mit Merkzeichen. Das gesamte Knochenmaterial von Thüringen, vom Menschen bearbeitet oder unbearbeitet, stammt aus verschiedenen Epochen, die sich unterscheiden nach dem Klima, nach der Knochen- und auch nach der Feuersteintechnik.
Eine der ältesten Fundstätten ist das bis 11 m mächtige Kieslager von Süssenborn bei Weimar. Die Kiese sind vom Thüringer Wald her durch einen Ur-llmfluß zusammengeschwemmt worden und von dort sind die große Menge von Zähnen des Mammut und seiner Verwandten im Weimarer Museum zusammengebracht, die ich dort wiederholt bewundern konnte. Leider glaubte mau damals noch nicht an das Vorkommen des Diluvialmenschen in dortiger Gegend, verstand wohl überhaupt noch nicht die Würdigung der Eolithe und sonstigen primitiv hergerichteten Geräte. Infolgedessen fehlen von Süssenborn bislang noch alle dergl. Werkzeuge
*) Pfeiffer schreibt irrtümlich „Gothenkönig“, aber Alboin bekämpfte die Ostgothen. Den Gegidenkünig Kunimund tötete er 566 eigenhändig und ließ aus dessen Schädel einen Trinkbecher hersteilen. Nachdem er sich mit Kunimunds Tochter Rosamunde vermählt, zwang er in trunkener Grausamkeit bei einem Feste zu Verona Seine Gemahlin aus .der Hirnschale ihres Vaters zu trinken. Seine Roheit kostete ihm das Leben. Sie suchte jetzt ihren Buhlen Helmichis, dann den Peredeo, zur Ermordung ihres Gemahls zu bestimmen, und der letztere vollbrachte die Tat 574. Die Longobarden aber erhoben sich erbittert, und Rosamunde entfloh mit ihren beiden Genossen, ihrer Tochter Abswinda und dem Königsschatz nach Ravenna zu dem griechischen Exarchen Longiuus. Da dieser um sie warb, reichte sie Helmichis Gift, ward aber von diesem gezwungen den Rest des Bechers zu lehren, und starb mit ihm. Peredeo ward nach Byzanz geschickt und dort geblendet. So enthüllt die Geschichte des Schädelbechers leider furchtbare Beispiele von Wildheit und Roheit eines entarteten Germanenstammes.