Heft 
(1911) 19
Seite
233
Einzelbild herunterladen

26. (9. ordentliche) Versammlung des XVIII. Vereinsjalires.

233

Aufforstungen von Ödländereien im Osten. Neuerdings freilich will der Fiskus viel mehr aus den Wäldern herausschlagen als er je zu der Auf­forstung im Osten gebrauchen kann.

Herr Kötschke hat die Entwicklung dieser ganzen Waldfrage, die für Berlin so brennend ist, mit allem, was drum und dran hängt, in einer Broschüre erörtert unter den Titel: Die Berliner Waldverwüstung und verwandte Fragen. (Verlag des Ansiedlungsvereins Groß - Berlin. Schöneberg, Grunewaldstr. 30. M. 1,30). Da Herr Kötschke in dem Vor­trag nur einen kleinen Teil der einschlägigen Fragen vortragen konnte, so wurde das Buch von interessierten Mitgliedern massenhaft gekauft.

Herr Kötschke wies darauf hin, daß endlich die Agitation für den Waldschutz, die in den letzten Jahren die öffentliche Meinung stark be­schäftigt hat, anfängt Erfolge zu zeitigen. Die Städte Berlin, Schöneberg, Charlottenburg, Wilmersdorf, Lichtenberg und die Landkreise Teltow und Niederbarnim haben in einer Denkschrift erklärt, daß die Waldverwüstung entschieden aufhören müsse. Denn die Wälder sind für die Berliner nicht nur zur Erholung und zu Spaziergängen nötig, sondern sie sind auch als Luftquelle unentbehrlich. 15000 Morgen sind aber schon unwiederbringlich verschwunden. Die Gemeinden haben nun erklärt, daß sie die Absicht haben, alle um Berlin herumliegenden Wälder zu kaufen oder zu pachten. Und zwar haben sie als erste und notwendigste Rate 44500 Morgen be­zeichnet. Diese würden gegen 230 Millionen Mark kosten, wenn der Fiskus den Quadratmeter mit 2 Mark berechnet, wie das der Minister seinerzeit als Normalpreis für Wälder zu Volksparkzwecken bezeichnet hat. Eine 4prozentige Jahresrente würde 910 Millionen betragen. Eine solche Summe würde zwar die Gemeinden außerordentlich belasten. Aber da der Fiskus gegen Berlin niemals sehr zuvorkommend gewesen ist, wird nichts anderes übrig bleiben als tief in den Beutel zu greifen.

Gegen Privatgesellschaften ist die Regierung merkwürdigerweise viel zuvorkommender. Die große Grunewaldrennbahn ist zu sehr günstigen Bedingungen an den Unionklub abgetreten. Und besonders der Flugplatz in Johannistal ist für die ersten Jahre der Flugplatzgesellschaft ziemlich gratis überlassen worden, trotzdem diese sich doch viel besser hätte in freiem Felde niederlassen können, als daß sie erst Wald niederschlagen mußte.

Herr Kötschke schloß mit einem Hinweis auf die gewaltige Bedeutung, die der Wald für unser Volk gehabt hat. Wir sind heute noch das Land mit dem größten Waldbestand in Europa, selbst Rußland gegenüber. Aber in den Großstädten wächst jetzt eine Generation auf, die kennt keinen Wald, geschweige denn daß ihr der Wald der liebste Aufenthalt ist. Gegenüber dieser Gefahr muß die gesamte Bevölkerung noch in letzter Stunde zusammenstehen und retten was zu retten ist.