Heft 
(1916) 24
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Prof. Dr. Konrad Haebler.

Gesamtkatalog der Wiegendrucke, und zwar sind zwei davon in der Bibliothek der Marienkirche zu Frankfurt a. d. Oder zum Vorschein gekommen, das dritte in der Dombibliothek zu Fürstenwalde.

Die drei so überaus seltenen Druckwerke verdienen es wohl, daß man sich einmal etwas näher mit ihnen beschäftigt.

Ich beginne mit dem Viaticum Lubucense, weil es das einzige ist, das uns selbst einige Nachrichten über seine Entstehung gibt. Die von Wohlbrück nur auszugsweise verwertete Schlußschrift lautet vollständig: Viatici Lubucensis Insigne hoc opus Francophordis ad Oderam industria Johannis Hanaw ibidem Calcographi impressum: finit. Anno domini. 1514. Ultima die mensis Februarii. In laudem Deo. Zu deutsch: Dies bedeutsame Werk des Viaticum Lubucense, zu Frankfurt an der Oder durch die Tätigkeit des Johann Hanaw, dortigen Druckers, gedruckt endet im Jahre 1514 am letzten Tage des Monats Februar. Gott zum Lob. Auf die Druckangaben folgt dann noch eine längere Auseinander­setzung desCompilator, in der er sich, anstatt die Grundsätze seiner Bearbeitung verständlich darzulegen, in einem mit klassischen Reminis- cenzen prunkenden Stile, aber mit einer auffallenden Schärfe gegen die­jenigen Kritiker wendet, die an seiner Arbeit etwas auszusetzen finden würden. Er vergleicht sie mit denen, die sich über die Keule des Herkules her machen, wenn der Held schläft, die es aber nie gewagt haben würden, ihm entgegen zu treten, so lange er wachte. Es sei eben ein verbreiteter Fehler unter den Menschen, daß sie schneller mit Worten bei der Hand sind, als mit Taten. Er sei bestrebt gewesen, alte weitverbreitete Irrtümer zu beseitigen, und an ihrer Stelle eine strenge Ordnung einzuführen zur Ehre Gottes und zum allgemeinen Nutzen. Fehlerlos sei freilich seine Arbeit noch nicht geworden, drum bitte er den Leser, die leichteren Druckfehler selbst zu verbessern, ein Paar gewichtige Irrtümer wolle er hier selbst berichtigen. Was er dann anführt sind aber keine eigentlichen Druckfehler, sondern Versehen der Anordnung und Einteilung, die weniger dem Drucker als dem Bearbeiter zur Last fällen. Wie sehr ihn der Gedanke an eine unfreundliche Beurteilung verfolgte, verrät sich erneut in dem Schlußsatz. Auf dem letzten Blatte steht mit der Überschrift: Codex in detractorem, d. h. das Buch an seinen Tadler, ein Akrostichon in adonischen Rhythmen, dessen rot gedruckte Anfangsbuchstaben den Namen Volfgangus Redorfer ergeben, und das noch einmal mit scharfen Worten die unfreundlichen Beurteiler abweist.

Fast möchte man meinen, daß der Kompilator nicht eben das größte Vertrauen zu seinem Werke gehabt haben muß, da er es nötig findet, sich so vielfach und so energisch gegen einen Tadel zu wenden, der ihn bis dahin, d. h. vor der Fertigstellung des Druckes und der Ausgabe des Buches doch eigentlich noch gar nicht erreichen konnte. Dem Laien