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9. (7. auBerordcntl.) Versammlung des XXVI. Vcreinsjahres.
die Hälfte der Teilnehmer Zurückbleiben und den nächsten Zug benutzen mußte, nach Strausberg - Ostbahnhof und benutzten die Kleinbahn nach Strausberg-Stadt, wo uns Herr Böhm, Lehrer am Strausberger Progymnasium, begrüßte und zur Marienkirche geleitete. Hier machte uns Herr Oberpfarrer Johl auf die Sehenswürdigkeiten des bereits 1230 erwähnten Gotteshauses aufmerksam und hielt einen Vortrag über das Thema „Reformationsbilder aus Strausberg mit besonderer Berücksichtigung der St. Marienkirche“. Ausgehend von der Geschichte des Ortes, der 1232 Stadtrechte erhielt und 1254 durch eine Mauer geschützt wurde, sprach der Redner über die bauliche Entwicklung der Kirche, die das 1254 gestiftete und 1788—91 in die Brandenbur- gische Landarmen- und Korrektionsanstalt umgebaute Dominikanerkloster überragt. Schon 1342 wurden Erneuerungsbauten notwendig, denen später, z. B. 1773 74, 1875 andere folgten, während der 1745 vom Blitz beschädigte Turm 1749 neu aufgebaut wurde. Den schönsten Schmuck der Kirche bildet der reich vergoldete Schnitzaltar mit der hl. Maria über der Mondsichel. — Der Uebertritt zur protestantischen Lehre (1540) vollzog sich in Strausberg im allgemeinen friedlich; der alte Pfarrer Ebel wirkte dort sogar bis 1547 als protestantischer Geistlicher weiter, nur die Dominikaner setzten der Neuordnung der Dinge anfangs einigen Widerstand entgegen, machten einem protestantischen Geistlichen, dem im Kloster eine Dienstwohnung angewiesen wurde, das Leben schwer und erklärten es für eine Entwürdigung der Räume, wenn jemand mit Frau und Kindern in den kurfürstlichen Gemächern wohne. — Luthers Schrift von der Freiheit eines Christenmenschen übte auch auf Strausberg einige Wirkung aus: man weigerte sich, die Mühlenpacht an die Kirche zu zahlen.
Den geistigen und sittlichen Tiefstand der Zeit zeigt "einJHexen- prozeß im Jahre 1581; damals wurde eine Frau öffentlich verbrannt, weil sie das Vieh behext haben sollte. Trübselige Zeiten waren besonders die Pestjahre 1549, 1550, 1570 und 1598. Zuweilen steigerte sich die Zahl der Gestorbenen auf fast 900. Viel Not und Kummer hat die Stadt auch in der Folgezeit, namentlich im 30-jährigen Kriege erlebt, aber Trost und Segen ist seit den Tagen der Reformation von der St. Marienkirche ausgegangen.
Nachdem der Unterzeichnete dem Herrn Oberpfarrer für die vortreffliche Führung und den anregenden Vortrag im Namen der „Brandenburgia“ gedankt hatte, begaben wir uns zur Fährstelle, wo wir noch etwa 25 Mitglieder antrafen, die den späteren Zug benutzt hatten, fuhren über den Straussee, wanderten zur „Alten Spitzmühle“ und besichtigten dort unter sachkundiger Führung des Herrn Böhm den nahe gelegenen Burgwall.