Heft 
(1893) 2
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Das alte und das neue Rixdorf.

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meinde sehr arm; als sie daher 1860 ihr 500jähriges Bestellen feierte, errichtete man eine Stiftung zur Bekleidung armer Konfirmanden, zu der auch der Berliner Magistrat 100 Thlr. beisteuerte. 1856 zählte Deutsch-R. bereits 2836, 1861 3426, 1864 3987 und 1867 schon 4749 Einwohner. Dass hei dieser Zunahme besonders die Schullasten sich steigerten, ist sehr erklärlich; schon 1864 musste ein 7. Lehrer ange­stellt und der Zuschuss für den Schulzen zur Besoldung eines Schreibers auf 80 Tlilr. erhöht werden. 1867 wurde R. zur selbständigen Pfarre erhoben und der Neubau der Kirche in Aussicht genommen. Zur Leitung der Schule wurde 1870 ein Rektor berufen. Neben Deutsch-R. blühte auch Böhmisch-R. auf und zählte 1858 bereits 1014 Einwohner.

Nehmen wir so schon seit 1840 eine stetige Zunahme der Bevöl­kerung wahr, so können wir doch das neue Rixdorf erst seit 1871, ja eigentlich erst seit 1874 datieren.

1871 änderte nämlich die Gemeinde zunächst ihre unhaltbar ge­wordene Orts-Verfassung. An die Stelle der bisherigen Gemeinde-Ver­sammlung trat nun, den veränderten Verhältnissen entsprechend, eine Gemeinde-Vertretung, die aus dem Vorstand, 2 Schöffen und 9 Verord- neten bestand. Auch das Kommunalsteuer wesen wurde umgestaltet. Bisher waren nur die Eigentümer zur Steuer verpflichtet; nun wurden sämtliche selbständige Bewohner nach dem Masse der. Staatssteuer her­angezogen. Endlich erfuhr das Schulwesen eine durchgreifende Änderung dadurch, dass sich die beiden Gemeinden entschlossen, die böhmische* lklassige und die deutsche 9klassige Schule gemeinsam zu unterhalten und die Kosten als Kommunallasten zu übernehmen. Mittlerweile hatte sich der Besitz des Dorfes für die Stadt Berlin immer ungünstiger ge­staltet. Einnahmen bezog ihr Stadtsäckel gar nicht mehr daraus, wäh­rend er für den Schulzen und einen Polizei-Sergeanten 438 Tlilr. au Ausgaben zu leisten hatte. Kein Wunder, dass Berlin eine Neuordnung herbeisehnte und die neue Kreisordnung schon wegen des Geldpunktes freudig begriisste.

Diese Kreisordnung trat am 1. Januar 1873 ins Leben. Damit hörte Rixdorf auf, ein Kämmereidorf Berlins zu sein, und bildete nun­mehr mit dem benachbarten Britz einen Amtsbezirk, in dem der Staat die Polizeigewalt übte. Am 1. Januar 1874 wurden sodann beide Ge­meinden, Deutsch-R. und Böhmisch-R., zu einem Gemeinwesen vereinigt, zugleich wurde an Stelle des Schulzen in dem Amtsvorsteher ein tüch­tiger Ortsvorsteher gewählt, und seit dieser Zeit gewahren wir auf allen Gebieten der Verwaltung eine so rege, umfassende Ihätigkeit, dass der Grt ganz umgewandelt wurde. Inzwischen war ja auch jene grosse Epoche in der Geschichte eingetreten, die unser Vaterland einigte und Berlin zur Hauptstadt des neuen Deutschen Reiches erhob. Ein Abglanz dieser Herrlichkeit, die ein gewaltiges Wachstum Berlins zur Folge hatte,