Heft 
(1893) 2
Seite
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Ältestes Berlin .

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dem Grundstück Alexanderstrasse 9 ausgegrabene, mit drei Knöpfen ver­sehene und mit Leichenbrand gefüllt gewesene kleine Urne an. Unsere letzten Nord- Schwaben tauchen als Ueberbleibsel der Taciteischen Suevo­Semnonen noch einmal flüchtig in unserer Gegend auf, bis sie einige Jahr­zehnte später zuerst den Ansturm der Avaren erfuhren, und nunmehr unsere Gegend, als den ältesten Sitz der Germanen zwischen Elbe und Oder, jenem tatarischen Volke und seinem Gefolge, den Slaven räumten. Doch die Spuren der Hinterlassenschaft jener unserer germanischen Voreltern aus dem ,, heroischen" Zeitalter in unserem Gau sind sowohl auf den Höhen Berlins und seiner Vororte, als auch im Stromlaufe der Spree , insbesondere an der Stelle vielfach zu finden, wo Alt- Kölln und Alt- Berlin sich nähern. Ein Beweis aber dafür, dass dauernde und grössere germanische Niederlassungen hierorts bestanden, hat bislang nicht erbracht werden können. Anders ver­hält es sich mit Charlottenburg, Wilmersdorf und namentlich Schöneberg , wo, nach sicheren Fundergebnissen zu schliessen, längere Zeit ansehnlichere germanische Ansiedlungen wohl bestanden haben mögen. In der nun­mehrigen Wendenzeit( ca. 500-1156) scheinen sich unter den Slaven noch einige germanische Volksreste erhalten zu haben, worauf die im Jahre 1890 zu Rosenthal bei Berlin in einem der beiden Gerippe- Gräber vorgefundenen und dem Märk. Museum übergebenen silbernen und goldenen Schmuckstücke nebst dem berühmten Gold-Brakteaten mit rohen Darstellungen aus der Sigurd- Sage schliessen lassen. Das seltene Prägestück dürfte dem Ende des 8. Jahrhunderts angehören. Um diese Zeit schon müssen die friedlichen Beziehungen zwischen den christlichen Deutschen und heidnischen Wenden unserer Gegend, speziell den Wilzen oder Weletaben, in deren Gebiet Alt­Berlin belegen war, ernstlich getrübt gewesen sein, denn im Jahre 789 sah Karl der Grosse sich genötigt, in die Priegnitz und das Havelland einzu­dringen; doch wird er Brandenburg nicht berannt haben. Erst von König Heinrich I. wissen wir, dass er im Jahre 927 diesen Platz, der Jahrhunderte hindurch ein Bollwerk der Slaven gewesen, eroberte. Von da ab dauern die kriegerischen Verwickelungen der Wilzen bis zu ihrer gänzlichen Unter­werfung fort. Ihre weniger kampflustigen und raubbegierigen Stammesbrüder, die Sorben, zu deren Gebiet Alt- Kölln gehörte, haben es vermöge ihrer mehr vermittelnden Gemütsart und passiven Verhaltens verstanden, Nationalität und Sprache in der Lausitz , besonders im Spreewald, bis zur heutigen Stunde teilweis zu erhalten. In jene unruhigen Zeiten, seit etwa 1000 n. Chr., fallen die so überaus zahlreichen wendischen Burgwälle und Pfahlbauten, die versteckt in Sümpfen liegend, der landsässigen Wendenbevölkerung gesicherte Zuflucht gegenüber den unaufhörlichen Einfällen der Slaven und Deutschen gewährten. Pfahlbau- Siedelungen dieser Art, die als Dorfanlagen aufzufassen sind, haben sich auch innerhalb unserer Stadt, sowohl in Alt- Berlin wie in Alt- Kölln , vorgefunden. In ersterem, wo sie an der Burgstrasse beim Bau der Börse und der sogenannten Waarenbörse, ebenso wie längs der Stralauer­strasse in ausgiebigem Maasse vorgefunden sind, reichen sie hier bis zu dem! ( to dem) Berlin d. i. bis nahe dem Kirchhügel von St. Nicolai. Im moorastigen Gelände auf der rechten Spreeseite, scheinen sie von den Acker­bau und Viehzucht treibenden Wenden im Barnim mehr als Zufluchtsstätten­

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