Heft 
(1893) 2
Seite
267
Einzelbild herunterladen

Bericht über die 15.( 3. Arbeits-) Sitzung des II Vereinsjahres.

n

e

n

k

t

t.

ge

s

en

267

Die in Rede stehende Weide, der Species Salix alba L. angehörig, war von so mächtigen Dimensionen, dass sie von Unkundigen mehr als einmal für eine Pappel gehalten worden ist. Sie bot mit ihrem straff nach oben gerichteteten Geäst nicht ganz den lieblichen Anblick dar, welcher sonst der anmutig pendulierenden Krone unserer Silberweiden eigen zu sein pflegt. Auch war sie, obwohl nach aussen hin unversehrten Stammes, über die Jahre hinaus, wo ein Baum schön ist; manch dürrer Ast verriet an ihr beginnende Hinfälligkeit. Dabei erwies sich ihre Stellung zwischen Strassenfront und Eisenbahn als eine seit lange schon ungünstig gewordene. Dennoch war und blieb der Baum eine kostbare, der Schonung werte Reliquie der Vergangenheit, jetzt von so Manchem, wie ich das aus Zuschriften und Anreden ersehe, als ein Verlust betrauert.

Es war ja nur eine Weide! wird man mir von anderer Seite her erwiedern. Ist aber jener Gemeinplatz, der unsere Gehölze in edle und unedle scheidet und Weide wie Pappel der letzteren Kategorie zu­erkennt, ein in der Natur begründeter? Wir bezweifeln dies und erblicken mit Recht in jedweder Spezies, wie verschieden ihre Entwickelung auch von der anderer sein mag, den Ausdruck gleichberechtigten Pflanzen­lebens, die Verkörperung eigenartiger spezifischer wie individueller Schönheit und des daraus sich ergebenden Stimmungsbildes. An rechter Stelle stehend und von Menschenhand unverstümmelt, kann auch die Weide an Kraft und Anmut mit der Aristokratie unseres Waldes, mit Eiche, Linde und Buche, wetteifern.

Die Unsere war gewissermassen historisch, wenn auch nicht als Zeuge besonders merkwürdiger Ereignisse aufzufassen. Sie schien das erst langsame, dann stärker und stärker pulsierende Wachstum Berlins uns vorführen zu wollen; dazu kam bei ihr ein Beigeschmack literarischen Rufs, den zu kennen man freilich von denen, die sie zu Fall gebracht haben, kaum erwarten darf.

Als letzter der Berliner Baumkolosse gleicher Art, verdient sie einen Nachruf schon aus dem Grunde, weil sie Eingang in die Literatur gefunden hatte. Ein Rodenberg , ein Friedel, zuletzt noch ein Ludwig Pietsch , haben ihrer rühmend gedacht und durch unseren geschätzten Mykologen, Professor Magnus, ist sie im Sinne der Pflanzenphysiologie ins Auge gefasst worden:

Ausserhalb der Mauern Berlins , dem Gewässer nah, das der Schafgraben hiess, erwachsen, stellt sie sich uns als ein verlorener Sprosse jener städtischen Weidenvegetation dar, die mit der schwellenden Uppigkeit ihres Wuchses für die schöpferische Urkraft des mit Unrecht verschrieenen märkischen Bodens gleichsam Zeugnis ablegen wollte. War sie ferner nicht auch noch der letzte lebende Repräsentant jener bewundernswürdigen Uferbekleidung des uns nachbarlichen Flusses, der Fremde, wie Einheimische von jeher liebevolle Verehrung gezollt haben?