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17. (fi. öffentl.) Versammlung des IV. Vereinsjalires.
darin Besungenen am folgenden Tag überreicht worden. Denn dieses Datum trug die Originalhds., die im Besitze Minna Herzliebs war. Es war der Tag, an dem der Dichter nach einem längeren Aufenthalt, der hauptsächlich der Abfassung der Pandora galt und zu ihrer Förderung erheblich beitrug, Jena verliess. Um so mehr gewinnt die darin ausgesprochene Huldigung an Bedeutung. Übrigens hat es Goethe ebenso wie das zuerst zitierte Sonett erst zwanzig Jahre nach der Entstehung veröffentlicht. Begreifliche Rücksichten auf das Frommannsche Haus und auf Minna Herzlieb selbst, deren Person namentlich in dem letzten für näher Stehende leicht erkennbar war, bestimmten ihn die Gedichte zurückzuhalten.
Charade.
Zwei Worte sind es, kurz, bequem zu sagen,
Die wir so oft mit holder Freude nennen,
Doch keineswegs die Dinge deutlich kennen,
Wovon sie eigentlich den Stempel tragen.
Es thut gar wohl in jung — und alten Tagen,
Eins an dem andern kecklich zu verbrennen;
Und kann man sie vereint zusammen nennen. ,
So drückt man aus ein seliges Behagen.
Nun aber such" ich ihnen zu gefallen
Und bitte, mit sich selbst mich zu beglücken;
Ich hoffe still, doch hoff" ich's zu erlangen.
Als Namen der Geliebten sie zu lallen,
In einem Bild sie beide zu erblicken,
In einem Wesen beide zu umfangen.
Dass der Name „Herzlieb“ die Lösung der Charade bietet, sieht jeder. Aber nicht bloss in den Sonetten lebt die holde Gestalt der Minna Herzlieb fort, sondern wohl auch in einer der grössten Schöpfungen Goethes, in seinem 1808 verfassten Roman: „Die Wahlverwandtschaften“. Nach einer alten Tradition und der heutigen allgemeinen Auffassung ist sie für den Dichter das Modell zur Ottilie gewesen. Sicheres wissen wir darüber nicht, wie überhaupt über der inneren Entstehung dieses erschütternden, die tiefsten Tiefen des menschlichen Herzens auf- schliessenden Werkes ein dichtes Geheimnis schwebt. Die überall verbreitete Annahme, wonach die leidenschaftliche Neigung zu Minna Herzlieb überhaupt erst die Conception des Romans veranlasst habe, stösst, wie ich hier nicht ausführlicher darlegen kann, auf chronologische Schwierigkeiten. Das schliesst aber nicht aus, dass nicht doch hei der Gestaltung Ottiliens der Eindruck, den der Dichter von ihr empfangen hatte, mitgewirkt habe. Sie müsste dann entweder ein älteres Modell verdrängt haben oder in der Ottilie liegt eine Verschmelzung zweier realer Vorbilder vor. Denn nach allem, was uns über Minna Herzliebs