Heft 
(1896) 5
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17. (6. öffentl.) Versammlung des IV. Vereinsjahres.

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seelenvolles Wesen, ihre zarte Anmut, den sanften Liebreiz ihrer Er­scheinung, ihr leidenschaftliches und dabei verschlossenes Herz bekannt ist, ähnelt ihr die dichterische Gestalt in einem Masse, dass die Über­einstimmung kaum zufällig sein und die Annahme, dass sie auf die Charakteristik Ottiliens von wesentlichem Einfluss gewesen ist, nicht abzuweisen sein wird. Goethe selbst äussert sich über die Wahlver­wandtschaften, die zu seinen Lieblingsschöpfungen gehörten, nur wenig und in dunklen Worten, immer aber hebt er den starken seelischen Anteil hervor, mit dem er das Werk schrieb.Niemand, sagt er in seinen Annalen, verkennt an diesem Roman eine tief leidenschaftliche Wunde, die im Heilen sich zu schliessen scheut, ein Herz, das zu genesen fürchtet. Und über die Zeit, da das Buch endlich gedruckt vor ihm liegt, bemerkt er:Der dritte Oktober befreit mich von dem Werk,

ohne dass die Empfindung des Inhalts sich ganz hätte verlieren können. Auch Eckermann gegenüber bekennt er etwa zwanzig Jahre nach seinem Erscheinen wiederholt, dass darin kein Strich enthalten sei, der nicht erlebt, aber kein Strich so, wie er erlebt worden.

Das beseeligende Gefühl einen Goethe durch Liebe gefesselt und dadurch seine Poesie bereichert zu haben, dieser Schimmer verklärte allerdings Minna Herzliebs Leben, sonst aber war es wenig von Freude erhellt. Schon im Frühjahr 1808 verliess sie Jena und kehrte nach ihrem Geburtsort Züllichau zurück. Sie war dort viel umworben. Wirkliche Neigung fasste sie nur zu einem jungen Adelichen, die aber zu keiner Verbindung führte, weil die Mutter des Geliebten wegen der bürgerlichen Abkunft Minnas und ihrer Vermögenslosigkeit ihre Erlaubnis versagte. Bis zum Jahre 1812 blieb sie in Züllichau, dann kehrte sie nach Jena in das Haus ihrer Pflegeeltern zurück.

In diese Zeit des Züllichauer Aufenthalts von 180812 fällt also die mitgeteilte Stammbucheintragung.

Kurz vor ihrer Heimkehr hatte sich Minna Herzlieb mit einem ihrer Familie seit langem bekannten Berliner Gymnasiallehrer, einem Prof. Pfund vom Werderschen, später am Johannisthalschen Gymnasium verlobt. Als sie aber ihr Bräutigam in Jena besuchte, erregte er in dem Masse ihr Missfallen, dass sie ihre Pflegeeltern bestimmte, das Ver­löbnis rückgängig zu machen. Wieder verging eine Zeit, in der sie eine Reihe von Anträgen ausschlug. Unter denen, die sich um ihre Gunst bemühten, war der in hoher Stellung befindliche Jurist und Universitäts­professor Walch in Jena. Auch ihn erhörte sie jahrelang nicht. Schliesslich gab sie seinen Werbungen nach und reichte ihm die Hand. Im Herbst 1821 fand die Vermählung statt. Aber gleich im ersten Jahre der Ehe sah sie die Unmöglichkeit ein mit dem ungeliebten Manne zusammenzuleben. Er selbst machte ihr den Vorschlag ihn für einige Zeit zu verlassen und zu ihren Geschwistern nach Züllichau zu ziehen.