Heft 
(1896) 5
Seite
22
Einzelbild herunterladen

22 17. (6. öfientl.) Versammlung des IV. Vereinsjahres.

Dort blieb sie fast fünf Jahre. Da versuchte sie zu ihrem Gatten, mit dem sie während der Zeit Briefe gewechselt hatte, zurückzukehren. Aber wieder dauerte die Gemeinschaft nur wenige Monate, dann hielt er es wiederum selbst für rätlich, sie zu ihren Geschwistern zurückzu­schicken. So lebten sie getrennt. Er, rechtschaffen und wohlhabend wie er war, sorgte für ihren Unterhalt und liess es ihr an nichts fehlen. Er starb 1858.

Es hat nicht an Leuten gefehlt, die diese traurigen Erscheinungen in der sozusagen nach-goethischen Epoche Minna Herzliebs, das wieder­holte Ausschlagen von Heiratspartien, ihre Ehescheu mit dem grossen Ereignis ihres Lebens, den Beziehungen zu dem Dichter in Verbindung setzten, nicht ohne daran die bekannten Schlüsse auf seine Immoralität zu knüpfen. Für alle diese Kombinationen fehlt es an jeglichem Anhalt. Goethe hat, wie oft so auch in diesem Falle seine Leidenschaft männlich-würdig bekämpft und sicherlich in der Kindesseele der Ge­liebten keine trügerischen und unerfüllbaren Hoffnungen und Wünsche geweckt. Eher erklärt sich das Missgeschick der unglücklichen Frau aus einer krankhaften Anlage. Ein hysterisches leidenschaftlich erregtes Wesen lassen die wenigen Briefe aus ihrer Jugend, die wir besitzen, erkennen und in dem letzten Lebensjahre sie starb hochbetagt am 10. Juli 1865 verfiel sie der Nacht des Wahnsinns.

Goethe bewahrte ihr lange ein liebevolles Interesse. Im Jahre 1817 schickte er ihr zu ihrem Geburtstage bei seiner Anwesenheit in Jena am 22. Mai die neue Ausgabe seiner Gedichte, in der zum ersten Mal die ihm von seiner Liebe zu ihr eingegebenen Sonette abgedruckt waren. Er begleitete das Geschenk mit einer Widmung, in der er in zarter Weise auf ihren Anteil an seinen poetischen Werken anspielt: Wenn Kranz auf Kranz den Tag umwindet,

Sei dieser auch Ihr zugewandt;

Und wenn Sie hier Bekannte findet,

So hat Sie sich vielleicht erkannt.

Nach diesem Exkurs erlaube ich mir auf die Betrachtung der Stammbücher im allgemeinen nochmals kurz einzngehen. Ein mir ge­höriges, aus der Familie meiner Mutter, Frau Dr. Friedel geh. Anschütz, stammendes, von deren Vater, dem 1849 zu Wittstock in der Ostpriegnitz verstorbenen Lehrer Carl Anschütz 1796 in Stendal angelegtes Stammbuch ist zum verwechseln genau wie das Hoppensacksche äusserlich ausgestattet. Auch der Inhalt ist verwandt, nur da es ein "männliches Stammbuch darstellt, hie und da derber, für stärker be­saitete Seelen berechnet.

Charakteristisch für beide Stammbücher und für die ganze hier in Frage stehende Zeit, sowie speziell für das protestantische Norddeutsch­land ist die gänzliche Abwesenheit christlicher Beziehungen. Christus,