Heft 
(1896) 5
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17. (6. öffentl.1 Versammlung des IV. Vereinsjahres.

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der heilige Geist, die Dreieinigkeit werden niemals genannt. Gott ist über Christus gestellt. Das Kreuz galt damals als etwas Katholisches und wurde ebenfalls selten angewendet, dafür hat man andere Symbole, Altäre, vielfach Urnen*), Palmenwedel, Cypressen, Trauerweiden, abge­brochene Säulen und dgl. Wenn man die christliche Lehre in die Glaubens- und Pflichten-Lehre teilt, so kann man sagen, dass in der ungeheuren Mehrzahl der Stammbücher seit 1750 bis etwa 1820 von der Glaubenslehre keine Spur vorhanden ist, statt dessen wird in unzähligen Variationen die Tugend und die Vernunft verherrlicht und gepriesen, sowie durchweg eine Art praktischer Moral, mitunter in philosophischem Gewände, anempfohlen.

Es ist zu bedauern, dass die Stammbücher durch das aufdringliche Wesen der Photographie-Albums, neben denen man in neuster Zeit die ziemlich überflüssigen sogen. Poesie-Albums verbreitet, verdrängt, ja nahezu ausgerottet worden sind. Da die den Freunden und Freundinnen gewidmeten Photographien fast niemals mit Unterschrift der dargestellten Personen, niemals mit Ort oder Datum und dgl. Einzelheiten versehen werden, so sind sie für die künftige Forschung, die Sitten- und Kultur­geschichte, die Heimatkunde u. s. f. nahezu wertlos. Solcherlei unnütze Photographie-Albums sind mir aus Nachlässen ungezählte Male zu Gesicht gekommen. Dabei ist die äussere Ausstattung der Photographie-Albums meist aufdringlich und unschön. Die Erben wissen, wenn die ersten Besitzer der Albums tot sind, meist nicht recht, wo sie damit hin sollen. Die innere Ausstattung ist nicht minder unzweckmässig, die dicken Papptafeln nehmen unnützen Raum ein und reissen leicht aus dem Ver­bände, die Rahmen gar, in welche die auf Kartonpapier geklebten einzelnen Photographien gesteckt werden, sind regelmässig so dürftig hergestellt, dass sie nach kurzer Zeit schadhaft werden. Nach wenigen Jahren sehen die anmasslich equipierten Photographie-Albums im Innern meist traurig und abschreckend aus.

Ich kann von meinem kulturgeschichtlichen und heimatkundlichen Standpunkt aus nur dringend raten, hier Wandel zu schaffen. Und das kann so geschehen. Man lasse die Personenphotographien nicht auf Karton­papier ziehen, sondern klebe sie in Albums, welche mit einfachem, stroh- treiem Papier, nach Art der alten Stammbücher auszustatten sind, ein, unter Hinznfügung der Personalien und von allerhand Gedankenspähnen, die man vom eigenen oder vom fremden Holze, vom Lorbeerstamm des

*) Obwohl die Feuerbestattung damals in Europa nirgends thatsächlich ausgeübt wurde, erkennt man sie in Schrift und Wort, gebundener und ungebundener Kede überall an; der aus jener Epoche so bekannte VersSanft ruhe Deine Asche ist für die theoretischen Vorläufer der Krematisten bezeichnend. Zahllose Grabdenkmäler des 18. Jahrhunderts mit Totenurnen geschmückt bestätigen dieselbe Vorstellung für unsere Heimat.