62 Bericht über die 2. (1. Arbeits-) Sitzung des V. Vereinsjahres.
Vom 15. September ab manöverierten wir in der Gegend von Belzig, hatten bei Treuenbriezen Parade vor König Friedrich Wilhelm IV. und kehrten am 29. nach Berlin zurück. Wir wurden zu Unteroffizieren ernannt und sonnten uns im Glanz der goldnen Tressen auf dem vom Manöver bereits etwas mitgenommenen Waffenrock. Extrauniform be- sassen nur wenige von uns, sie wurde auch nicht mal gern gesehen. Als im Verlauf des Feldzuges die Röcke allmählich die blaue Farbe zu verlieren anfingen, Hessen wir sie einfach wenden. Mein Bruder und ich mieteten uns eine nette Stube in der Ziegelstrasse und dachten an unsere Studien, aus denen im Sommer nicht viel geworden war. — Da kam der Befehl: Ausrücken! Nicht ganz unvorbereitet; denn Krieg schwebte in der Luft! —
Im Kurfürstentum Hessen waren zwischen der Regierung und dem Volke heftige innere Kämpfe ausgebrochen. Erstere, an deren Spitze der Minister Hassenpflug stand, wollte die Verfassung willkürlich und zum Schaden des Landes ändern. Das wollte man sich nicht gefallen lassen. Der Kurfürst wurde bewogen, den Kriegszustand über das Land zu verhängen, und als das nichts half, wandte man sich an die wieder hergestellte Frankfurter Bundesversammlung. Diese beschloss, ein Bundesexekutionsheer in Hessen einrücken zu lassen, um das verfassungstreue Hessenvolk zur Raison zu bringen und beauftragte Österreich und Bayern mit dieser Exekution. Preussen konnte dies nicht dulden, es wollte die Hessen in ihrem Rechte schützen, so kam die Verwicklung. Das 14. Regiment, das in Berlin nicht mehr nötig erschien, gehörte zu den ersten, die dem voraussichtlichen Kriegsschauplatz näher rücken sollten, und so wurde der Ausmarsch befohlen. Über das, was wir auf diesem Feldzug und später erlebten, führte ich genaues Tagebuch, zum Teil mit Bleistift in vergilbter Schrift geschrieben, nur schwer mehr zu entziffern. Ein glücklicher Zufall liess es mich wiederfinden, und da der Feldzug in einen Wintermarsch durch ein gutes Stück der Mark Brandenburg ausklang, so halte ich einige Mitteilungen aus dem Tagebuch für unsere „Brandenburgia“ auch jetzt noch geeignet.
Es war am 11. Oktober, einem heitern sonnigen Tage, als wir auf dem Anhalter Bahnhof zur Fahrt eingeschifft wurden. Wohin es ging, wussten wir nicht, kümmerte uns auch nicht; wir waren mit der Fahrt rasch ausgesöhnt und träumten von kriegerischen Timten. Als die Gegend anfing bergig zu werden, als sich gar Felsen zu zeigen begannen, da staunten unsere biederen Pommern und Polen, aus denen das Regiment zum grössten Teil bestand; hatten sie doch niemals Felsen gesehen. Spät Abends kamen wir in Erfurt an. Von da maschierten wir auf „furchtbar“ schmutziger Chaussee weiter, bis sich die Berg-