Heft 
(1896) 5
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Bericht über die 2. (1. Arbeite-) Sitzung des V. Vereinsjahres.

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kuppen der drei Gleichen mit ihren Burgen und Burgtrümmern zeigten. In den in der Nähe befindlichen Dörfern bezogen wir Quartier. Vier Unteroffiziere, darunter mein Bruder und ich, 22 Musketiere und ein Spielmann kamen nach dem Gut Ringleben bei Mühlberg. Es gehörte dem aus den Befreiungskriegen bekannten General-Feldinarschall Frei­herrn von Müffling, der in Erfurt wohnte. Er hatte angeordnet, dass uns zu Ehren eine Kuh geschlachtet werde, dass wir die ersten 8 Tage seine Gäste sein sollten, die zweiten 8 Tage die Hälfte des Verpflegungs- geldes, weiterhin aber die ganze Summe 50 Pf. täglich! zahlen sollten, damit das viele ersparte Geld uns nicht übermütig mache! Gar wohl fühlten wir uns bei den Fleischtöpfen Ringlebens; vortrefflich schmeckte uns die biedere Kuh, die ihr Leben für uns hatte lassen müssen. Leider konnten wir sie nicht ganz aufessen.

Dort auf dem Gute sah ich in einem Zimmer des Herrenhauses auch die berühmte Bettstelle, die nächtliche Ruhestätte des Grafen von Gleichen und seiner beiden Frauen, der ursprünglichen und der später angetrauten Sultanstochter aus dem Morgenlande, die den Grafen aus schwerer Gefangenschaft befreit und nach seiner Heimat begleitet hatte, wo mit päpstlicher Licenz die Trauung stattfand. Die vermeint­liche Bettstelle hat sich lange erhalten, sie war aber sehr zerschnitzt denn ein Span, von ihr geschnitten, sollte gut sein gegen Zahnschmerz. Musäus freilich berichtet poetischer, dassein Span davon statt des Blankscheits in dem Schnürleib getingen, die Kraft haben solle, alle Regungen von Eifersucht in den weiblichen Herzen zu zerstören. Um die Bettstelle vor gänzlicher Zertrümmerung zu bewahren, hatte der General sie von der alten Stelle in der Burg fortgenommen. Von ihrer Breite kann man sich einen Begriff machen, wenn es wahr ist, was mir erzählt wurde, dass die vier Pfosten derselben eine Zeitlang als Pfosten für einen Webestuhl gedient hätten. In mir erregte die Bettstelle keinerlei poetisches Empfinden; in meinem Tagebuch berichte ich kurz und pro­saisch:In einem Zimmer des Generals die Bettstelle des Grafen von Gleichen gesehen, nicht viel daran. Aber der alte Feldmarschall hat sie besungen, denn von ihm soll das Gedicht herrühren, das ich vorfand und hier mitteilen will, um es der Vergessenheit zu entreissen. Es lautet:

Einst ruhten hier, Grat Gleichen in der Mitte,

Zwei schöne Fraun in schwesterlicher Einigkeit;

Die Türkin folgte morgenländischer Sitte,

Die edle Deutsche dem Gefühl der Dankbarkeit.

So hat uns die Sage der Vorzeit berichtet,

Wir fragen erstaunt: Ists wahr, ists erdichtet?