Heft 
(1896) 5
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Bericht über die 2. (1. Arbeite ) Sitzung des V. Vereinsjahres.

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Das war ein wunderliches Leben in den nächsten Tagen. Am 4. November wurde um 2 Uhr nachmittags plötzlich Generalmarsch ge­schlagen; die Feinde sollten einen Vorstoss gegen Fulda planen. Wir marschierten vor die Stadt, nahmen in der Nähe von Gärten vor einer Lehmgrube oder richtiger in derselben, da sie uns gegen etwaige Späher deckte, Aufstellung. Wir warteten der Dinge die da kommen sollten, sie kamen aber nicht, und zurück gings zur Kaserne.

Am 5. November wurde bereits um 10 Uhr Mittag gegessen, dann wieder hinaus und herein. Und so war es auch am 6. Wir wussten vor langer Weile schliesslich nicht, was anfangen. Wir spielten Whist in freiem Felde, wir sangen, führten Gänsemärsche aus; ein regelrechter Kontertanz, an dem sich, wie mein Tagebuch ausdrücklich mitteilt, unter andern auch Hobrecht und Rathmann beteiligten, wurde nach dem Kommando eines kundigen Berliners im Lehmloch ausgeführt. Die Offiziere, die sich nicht weniger langweilten, sahen uns mit Behagen zu. Abends gingen die andern Kompanien nach der Kaserne, unsere 3. Kompanie blieb draussen; Patrouillen, die scharf geladen hatten, wurden ausgesandt, wir waren auf einen feindlichen Zusammenstoss ge­fasst. Um 12 Uhr Nachts wurden wir abgelöst. In der Kaserne er­quickte uns eine warme Brotsuppe, für die der Hauptmann gesorgt hatte.

Immer aufgeregter wurde die Stimmung. Mancherlei Gerüchte schwirrten durch die Luft. Das Wunderlichste, ja Lächerlichste wurde geglaubt. Man wollte eine feindliche Artillerie-Kolonne gesehen haben. Sie entpuppte sich als ein Leichenzug. Ein Patrouillenführer sollte, durch die Dunkelheit getäuscht, auf eine Gruppe Bäume einen Bajonettangriff befohlen haben; ein anderer auf eine Ilammelherde, und was der Scherze mehr waren.

Während wir uns, so gut wir konnten, die Zeit vertrieben, waren bereits Gerüchte von schweren Kämpfen in die Ferne gedrungen. Als wir aus Berlin ausrückten, schrieb uns die Mutter, nachdem sie zur Sorge für unsere Gesundheit ermahnt:Seid nur vorsichtig, dass Ihr Euch nicht ohne Not in Gefahr begebt; könnt Ihr nicht anders, dann seid nicht feig, Gott wird Euch schützen! Jetzt aber fragte sie angst­voll an, weshalb wir nicht schrieben? Ob wir krank oder verwundet seien? Wir konnten sie beruhigen. Am 7. November assen wir bereits um 6 Uhr morgens unser Mittagbrot und zogen dann wieder nach unserer geliebten Lehmgrube. Wir spielten Whist. Da Bewegung unter den Offizieren, der Ge­neral von der Gröben kam mit seiner Begleitung herangeritten. Er rief die Offi­ziere zusammen; er machte ihnen eine Mitteilung, die sie sichtlich hoch erregte; die Offiziere eilten zu uns und verkündeten die Mobilmachung des preussischen Heeres. Jetzt sollte es also ernstlich auf den Feind losgehn!

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