60 Bericht über die 2. (1. Arbeite ) Sitzung des V, Vereinsjahres.
Allgemeiner Jubel! Vergessen waren alle Mühen und Strapazen. Wir sangen später in Erinnerung an jenen Morgen:
Mag das Lehmloch Lehmloch sein,
Wurden wir auch drin zum Schwein,
Es ward ja telegraphiert,
Dass man uns mobilisiert.
Das Nächste waren Briefe an die Eltern, und Geschwister. Auch schrieben wir für des Schreibens unkundige Soldaten an deren Schätze nach Berlin.
In jenen Tagen wurde in Duisburg die Rheinisch-Westfälische Pro- vinzial-Synode abgehalten, deren Mitglied unser Vater als Superintendent, war. Es wurden Stimmen laut, dass angesichts der bevorstehenden Ereignisse die Synode vor der Zeit schliessen möge. Da trat unser Vater auf und sagte: Wenn einer in der Versammlung bei der Zeitlage be
teiligt sei, dann sei er es. Seine zwei jüngsten Söhne ständen als Einjährig-Freiwillige in Fulda, ein dritter habe soeben Abschied von ihm genommen, da er als Landwehrmann einberufen sei; von dem vierten und ältesten erwarte er stündlich die Nachricht auch von seiner Einberufung zur Waffe. Und trotzdem beantrage er, dass in der Synode fortberaten werde. In solcher Zeit müsse jeder erst recht seine Pflicht thun, und ihre Pflicht sei, die Synode zu Ende zu führen. Da stimmten alle Anwesenden ihm freudig bei.
Es drängten sich jetzt die Begebnisse. Wir waren am 8. November ruhig in der Kaserne, die auch noch unsere Füseliere aufgenommen hatte, da wurden wir um 10 Uhr alarmiert. Es hiess, das die Bayern eine Umgehung beabsichtigten; wir marschierten nach einem andern Platz und blieben dort bis nachmittags 5 Uhr und kehrten dann wieder zurück. Die Stadt und Umgegeud hatte ein immer kriegerischeres Aus- seh’n erhalten. Von allen Seiten rückten Soldaten heran: Infanterie,
Kavallerie, Artillerie. Aber auch flüchtende Landleute sali man, die mit Frau und Kindern und Sack und Pack vor den vorrückenden Bayern flüchtend gen Fulda fuhren. Unsere Kaserne war überfüllt. Jede Stube war drei-, ja vierfach besetzt und unten im Kasernenhof standen noch Soldaten, die darauf warteten, dass ihnen Platz gemacht werde. Wir aber bezogen abends ein Bivouak. Dorthin wurde Stroh gebracht, das uns aber vor dem nasskalten Wetter wenig schützte. Doch wir waren guten Mutes, sollte es doch den folgenden Tag wirklich gegen den Feind gehen, dessen Wachtfeuer wir nicht allzuweit am Waldesrande zu sehen glaubten. Unsere Füseliere hatten sicli in einem benachbarten Gehöft festgesetzt, in die umgebende Mauer Schiessscharten gebrochen, die im Wege stehenden Bäume umgehauen, Distanzen zum Schiessen auf einen herannahenden Feind abgemessen.