Heft 
(1896) 5
Seite
67
Einzelbild herunterladen

Bericht über die 2. (1. Arbeite ) Sitzung des V. Vereinsjahres.

67

Endlich wirds hell, wir freuen uns des Morgens, erheben uns durchfroren vom harten Lager. Der General erscheint mit seinem Adjutanten.An die Gewehre! erschallt das Kommando. Im Nu sind wir geordnet.Bataillon marsch! Wir lenken in die Strasse ein, die zum Feind führt. Da auf einmal:Tete links schwenkt marsch! Wir schwenken, wir kehren dem Feind den Rücken, Fulda kommt wieder in Sicht! Aus der Stadt quillt gleichzeitig Militär über Militär, gefolgt von unendlichem Train, alle in derselben Richtung, vom Feinde abge­wendet! Was soll das bedeuten? Wir senden fragende Blicke auf unsere Offiziere. Sie schweigen finstern Angesichts. Ist es denn mög­lich, wir weichen vor dem Feind? ohne uns mit ihm geschlagen zu haben, sind wir auf der Flucht!? Ja

Rückwärts, rückwärts Don von Gröben,

Rückwärts, rückwärts stolzer Grat!

Es war ein Rückzugaus strategischen Rücksichten! Der Minister- Präsident Graf Brandenburg hatte die Schmach nicht mehr erlebt, er war am 6. November gestorben. Sein Nachfolger aber, Minister-Präsi­dent von Manteuftel sagte:Der Starke weicht mutig zurück und

schloss in Olmütz am 20. November den berüchtigten Vertrag, der Hessen den Bayern und Österreichern auslieferte.

Ich komme auf jenen Morgen des 9. November zurück. Wie leb­haft steht er mir noch in Erinnerung! Wir alle, auch die gemeinen Sol­daten, empfanden den Rückzug als eine persönliche Schmach, die wir erlitten. Ich hörte, wie ein Soldat zum andern sagte:Nach Berlin dürfen wir nicht mehr zurück, wir müssen uns vor unsern Mädchen schämen. Das fröhliche Plaudern auf dem Marsch hatte aufgehört, der Gesang war verstummt, auch die Spassmacher in der Kompanie, die sonst so viel beigetragen hatten, die ermüdeten Soldaten in guter Stimmung zu erhalten, zogen finstern Schweigens dahin, wie die andern. Ich suchte Trost in meinem Horaz, den ich auf dem ganzen Feldzug im Brotbeutel mit mir führte.

Die Hessen aber, die sich der Rachsucht eines unversöhnlichen Feindes und der Willkür fremderSoldaten preisgegeben sahen, riefen uns Verwünschungen nach, nannten uns Verräter, und wir schwiegen.

Auf dem Marsch nach Fulda hatte ich mich kurz vor der Stadt über ein herrliches Wäldchen von jungen Lerchenbäumen gefreut. Wir zogen jetzt wieder vorüber was war aus dem Wäldchen geworden? Die schlanken Bäume waren in grosser Zahl umgehauen und zur Erbauung von Erdhütten verwandt worden, die Kavalleristen als schmutziger Aufenthaltsort dienten.

Wie aber wars mit derSchiächt bei Bronnzell? Ja, die schlugen wir Vierzehner nicht, sondern die Neunzehner. Wir wussten davon

6 *