Heft 
(1896) 5
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Bericht über die 2. (1. Arbeits-) Sitzung des V. Vereinsjahres.

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Quartier, so wurde erzählt, waren die Soldaten so gedrängt, dass sie nurlöffelchens liegen konnten, d. li. alle auf der linken oder rechten Seite wie die Löffel in einander geschachtelt. Auf gegebenen Befehl legten sich dann alle gleichzeitig auf die andere Seite. Ich hatte in meiner Korporalschaft einen Berliner, der eine Masse von Schnurren wusste und sie gut erzählte. Der musste uns abends, nachdem das Lager eingenommen war, erzählen, wobei wir denn ruhig einschliefen. Einige besondere Erlebnisse habe ich aufgezeichnet: wie eine Wirtin uns zum Waschen einen Topf mit Wasser bot; daraus mussten wir einen Schluck in den Mund nehmen, den wir dann in die Hände ausspieen und uns so wuschen oft genug ist dies in der Folge geschehen; wie eine andere, ein altes hässliches Weib mit triefenden Augen, auf die Bitte um ein Handtuch zum Abtrocknen das schmutzige Tuch von ihrem Halse abnahm und es daibot selbsverständlich zog man sein Taschen­tuch vor; wie, da nur eine verrostete und von Fliegen besudelte Gabel vorhanden war, wir das Fleisch mit unsern eigenen Messern mit unterstützendem Löffel zerschneiden mussten.

Als ich in einem Quartier mich an den Tisch setzte, um einen Brief zu schreiben, versammelte sich die ganze Familie um mich und sah zu; die Tochter, ein halberwachsenes Mädchen, lehnte sich ver­traulich auf meine Schulter und blickte auf das Papier herab. Diese Naivetät machte mir anfangs Spass und ich liess sie mir von dem hübschen Mädchen gern gefallen. Als aber der Bauer den fertigen Brief in die Hand nahm und nach aufgesetzter Brille ihn laut vorzu­lesen begann, hörte der Spass auf; ich nahm ihm den Brief fort, worüber er sehr verwundert war. Er hatte sich garnichts Böses dabei ge­dacht.

Die Langeweile ruhte mit bleierner Schwere auf uns; die Scherze unserer Soldaten waren bald erschöpft, das ewige Whistspielen (Skat­spielen war damals noch wenig, in unseren Kreisen gar nicht bekannt) wurde uns zuletzt auch zum Überdruss, zu lesen gabs nichts, nicht ein­mal beim Schullehrer, meinen Horaz kannte ich fast auswendig; Brief­schreiben war noch das Einzige, das übrig blieb; denn auch das Exer­zieren musste bei dem eingetretenen Frost- und Schneewetter aufs Not­wendigste beschränkt werden. Wir kamen in ein Dorf in der Nähe von Hersfeld, und dies benutzten wir zu einem Ausflug dorthin. Wir sehnten uns nach dem Anblick einer tapezierten, wohnlichen Stube, nach einem guten Beefsteak und einem Glas guten Bieres oder auch mehrerer! Wir wollten uns überhaupt mal wieder als zivilisierte Menschen fühlen. Dies alles bot die freundliche Stadt, deren berühmte Vergangenheit später einen Teil meiner Studien bildete, und in ihr der Gasthofzum Deutschen Haus. Als wir gar hörten, dass auch Theater gespielt werde, war unsere Freude gross, und wir konnten den Abend nicht