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Bericht über die 2. (1. Arbeite-) Sitzung des V. Vereinsjahres.
besser beschliessen als mit dem Besuch der Vorstellung. Die vorderste und beste Reihe war besonders von Unteroffizieren, zumeist Einjährig- Freiwilligen, besetzt; hinter uns sassen andere Soldaten, den Olymp hatte städtisches Publikum besetzt. Offiziere waren nicht zugegen. Da die Truppe kein eigenes Orchester besass, füllten wir die Zwischenpausen mit Gesang aus. Als aber das Parterre sich in das Spiel selbst einmischte, wollten sich die Spielenden das nicht gefallen lassen und verbaten es sich. Daraus entspann sich ein Streit, in den sich auch die anwesenden Hersfelder einmischten. Es war aber nur ein belustigender Wortkampf zwischen den Schauspielern, besonders der Prima Donna und dem Parterre, der schliesslich mit Fallenlassen des Vorhangs endete. Wir warteten das Weitere nicht ab, kehrten in den Gasthof, wo wir noch tüchtig zu Abend assen und dann in unser liebes Dorf— es hiess Sorge — zurück. Hier wurde weiter vegetiert. Da, am 4. Dezember, wurde mitten in der Nacht Generalmarsch geschlagen. Im Nu waren wir fertig zum Ausmarsch. Leider war bei der Eile ein uns von Hause geschickter Krug mit echtem Wachholderbranntwein, der über meinem Tornister hing, geplatzt; der edle Stoff hatte sich über die- Tragriemen ergossen und sie braun gefärbt, was mir eine Rüge seitens des Hauptmanns wegen „Malpropreté“ vor versammeltem Kriegsvolk zuzog. Auf dem Marsche kam es zur Verständigung und wir beklagten beide den schweren Verlust; denn auch er sollte des edlen Stoffes mit gemessen.
Wie wir hörten, hatte der kommandierende bayerische General von Turn und Taxis an unsern General die Zumutung gestellt, die Schanzen, die zum Schutz der bei Hersfeld über die Fulda führenden Brücke aufgeworfen worden waren, zu räumen, damit der Weg nach Kassel für ihn frei werde. Das wurde rund abgeschlagen, und so rückten wir in früher Morgenstunde aus. Wagen mit Stroh zur Aufnahme der etwa Verwundeten folgten uns.
Auf einer gefrorenen Wiese bei dem Dorfe Motsfeld nahmen wir Aufstellung. Wir fanden bereits andere Truppen vor: Jäger, Kavallerie, Artillerie, das 82. Infanterie-Regiment. Den ganzen Tag standen wir da, froren jämmerlich, langweilten uns entsetzlich, sodass wir schliesslich Whist zu spielen anfingen. Die Finger konnten aber die Karten nicht halten. Die Bayern kamen nicht, und wir marschierten schliesslich in unsere Quartiere zurück.
Auch diese „grosse unblutige Schlacht bei Motsfeld“, von der weder der Kladderadatsch noch die Geschichte berichtet, fand ihren Sänger. Der Anfang lautet:
Nach Motsfeldien, nach Motsfeldien,
Vater gieb mir Reisegeldien,
Wo der Bayer nicht mehr weilt.