12. (3. öffentl.) Versammlung des V. Vereinsjahres.
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oder gleich nach dem kürzesten Tage beginnt der Winter, die Jahreszeit, welche gleichsam das Absterben der Natur darstellt. Dass nun von liier ab hoffmuigsfreudig gerade der Feind des Winters, Licht und Wärme, wieder zunimmt, musste dem Naturmenschen besonders auffallen und zum religiösen Nachdenken, folgeweise auch zu religiöser Feier, anregen. Auf Sonnendienst der Germanen deutet bereits Caesar (Bell. Gail. 6, 21): Deorum nnmero eos solos ducunt, quos cernunt, et quorum opibus aperte juvatnr, So lern et Vulcannm et Lunain, und in dem Merseburger Zauberspruch heisst es bekanntlich gerade von den Lichtgöttern: Pliol (Balder) und Wodan fuhren zu Holze, da ward dem Fohlen Balders sein Fuss verrenket, da besprach ihn Sinthgunt (Morgenoder Abendstern, als Begleiter der Sonne) und Sunna, ihre Schwester etc.' In die heilige Zeit fällt das Jul-Fest,*) wobei das brennende, vom ßerg gerollte Julrad auf die siegende Sonne hinweist; auch das dreimalige 1 lüpfen, die drei Freudensprünge der Sonne bei ihrem Wieder- aufgang nach der längsten Nacht, diese vielfach in Deutschland verbreitete Vorstellung, deuten auf heidnischen Wintersonnwendkult. Auch führt Tille so viele gerade hierauf bezügliche Gebräuche vom skandinavischen Norden ab (vgl. z. B. S. 251) bis zur äussersten deutschen Sprachgrenze hinunter an, dass er sich mit seiner vorgefassten Meinung selbst bestens widerlegt.
*) Weihnachten wird als Julfestnoch jetzt im Regierungsbezirk Stralsund, dem ehemaligen Schwedisch- oder Neu-Vor-Pommern vielfach gefeiert. Mir selbst ist am Heiligabend und an den Tagen vorher dort mancher Jul-Klapp geworfen worden. Allerdings drängt die Berliner Weihnachtsfeier den Jul-Klapp in Schwedisch-Pommern und auf der Insel Rügen mehr und mehr zurück. Der Jul-Klapp wird aber nebenher beibehalten. Der Hauptscherz bei dem letztem ist das lange Suchen bis der eigentlich Beschenkte und sein Geschenk nach Entfernung der schier endlosen Einwickelungen erkennbar wird. Die Hausthür oder Stubenthür wird plötzlich aufgerissen, mit verstellter Stimme ruft .lemand Jul-Klapp! wirft dabei das Paket hinein und entfernt sich dann eiligst, um nicht erkannt zu werden, indem er die Thür dröhuend hinter sich zuw'irft. Mit diesem absichtlichen Erschweren der Auffindung des Geschenks hängt die Sitte in den manchen neuvorpommerschen und rügen- schen Familien zusammen auch wo sie jetzt Weihnachten nach Berliner Art feiern, dass auf dem Weihnachtstisch, nicht wie bei uns, die sämtlichen Geschenke für jeden Beschenker an einer Stelle vereint aufgebaut, sondern absichtlich in einem künstlichen Durcheinander bescheert werden, so dass es bei vielen Beschenkten und vielen Geschenken oft lange Zeit währt, bis jeder Bedachte seine sämtlichen Geschenke herausgefunden hat. An Versuchen, die Jul-Feier, wenigstens das Jul-Klapp in Berlin einzuführen, hat es nicht gefehlt. So wurde, weil eine der Frauen Friedrich Schleier- maclier’s aus Stralsund stammte, das dort übliche Julklapp-Werfen zeitweilig in des berühmten Theologen Häuslichkeit geübt, wie mir eine Verwandte desselben mitteilt. Meine Frau, welche aus Greifswald, ebenfalls einer Julklapp-Stadt, gebürtig ist, hat-das Julklapp-Werfen in der Christzeit in meine Familie eingeführt. Natürlich dient dergleichen nur zum Zeitvertreib, an eine Verdrängung des üblichen Weihnachtsfestes denkt dabei niemand bei uns.