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12. (3. öffentl.) Versammlungjdes V. Vereinsjahres.
und Alten. Ohneraehtet eines ziemlichen Aufwandes von Lampen und Kerzen, wollten doch die altersgrauen Pfeiler und Wände nicht hell werden, und ich konnte nur mit Mühe einzelne Gestalten herausfinden, die nichts erfreuliches hatten. Noch weniger konnte mir der Geistliche mit seiner quäkenden Stimme einige Teilnahme einflössen.“
Dies ein Zerrbild der kirchlichen Weihnachtsfeier aus der Zeit des krassesten Rationalismus. In der Zeit des Naturalismus ging es auch nicht erfreulich zu, aber doch anders.
Von Zittau aus dem vorigen Jahrhundert wird Folgendes berichtet: „Der Gottesdienst begann Morgens um 4 Uhr. Die Kirche war erleuchtet, es erschallten Musik und lateinische Gesänge. Das Fest lockte eine Menge Menschen aus den benachbarten Bergstädten dahin, die sich mit Brandtwein und Honigkuchen reichlich zu versehen pflegten, um sich gegen die Kälte zu schützen, und — das Christfest zu begehen. Die Kirche war gepfropft voll und der Lerm so gross, als wenn alle Trommeln eines Regiments auf einmal geschlagen würden. Der entsetzliche Dampf von Brandtwein, Lichtern und Tobac erfüllte die Kirche und erstickte fast den einzigen nüchternen Mann, den Prediger. Dieser konnte wegen des erstaunlichen Getöses nicht reden, stand still und sähe von der Kanzel herab den Unfug der Gemeinde. Brennende Lichter, die das besoffene Volk von den Leuchtern riss, flogen in der Kirche umher, bei einigen wirkte der im äussersten Uibermaass genossene Brandtwein und Honigkuchen von oben und unten. Andere wälzten sich mit Weibspersonen in öffentlicher Unzucht schamlos herum. So kann selbst die heiligste, die beste Religion ausarten, wenn nicht die aufklärende, sittlich wachende Vernunft ihr zur Seite bleibt,.“*)
Dergleichen Unfug kam übrigens auch anderweitig bei der Rumpel- Mette in unserer Gegend vor, wobei im Dunkeln nach Ausblasen der Lichter mit Stöcken und Steinen ein gräulicher Lärm in Begleitung sonstiger Unziemlichkeiten verübt wurde, Symbolisierung des Überfalls Christi durch Judas Ischarioth und die hohepriesterliclie Scharwache.**) — Tn den märkischen Kirchen kam es u. A. vor, dass bei der Schilderung der Geburt Christi und der Krippe der Geistliche vor der Kanzel die Stimmen der heiligen Tiere, d. h. Ochs und Esel, nachahmte. „So, meine andächtigen Zuhörer, schrien die lieben Öchslein . . . Muh!“ — worauf die Gemeinde mit kräftigem Muh! antwortete. „So schrien die lieben Eselein— I-A!“ und die ganze liebe Christeuversammlung respon-
*) Tille S. 71 macht hierzu die Bemerkung: „Es ist die Zeit Lessings und Rousseaus, in der man mit der göttlichen Vernunft die der Zeit fremd gewordenen kirchlichen Bräuche und Dogmen mit neuem Leben zu durchdringen sucht.“ — Schönes Durchdringen!
**) Vgl. „Die Quitzows und ihre Zeit“ von Friedrich von Klöden. 3. Ausgabe, bearbeitet und herausg. von Ernst Friedei. Berlin 1889 I. S. 224.