Heft 
(1898) 7
Seite
26
Einzelbild herunterladen

19. (8. ordentl.) Versammlung des VI. Vereinsjahres.

26

Waaren ein, die sie in ihrem eigenen vom grossen Weltverkehr abgelegenen Landstädtchen nicht erstehen konnten. Die Doppelstadt wuchs und weitete sich; Paläste stiegen in ihren Strassen auf, und grosse Weltfragen wurden hier entschieden. Der Bürger von Teltow baut noch immer seine Rühen, getreulich den Weisungen folgend, wie sie seit Jahrhunderten von Geschlecht zu Geschlecht auf seinem bescheidenen Anwesen sich forterben. Wenn der Name seines Städtchens überhaupt auch in ent­fernteren Gegenden bekannt geworden ist, so hat er das allein dem schmackhaften Gemüse zu danken, das in seiner Ackerfurche gedeiht. Wo aber Teltow liegt, weiss darum doch der tausendste nicht; und am allerwenigsten traut man dem übelbeleumdeten Sandboden der Mark Brandenburg zu, dass er einen so köstlichen Leckerbissen hervorzu­bringen im Stande sei. Wie weit diese Unkenntnis reicht, geht aus folgender Anekdote hervor, die Habs und Kosner in ihremAppetit­lexikon mitteilen. Im Jahre 1806 war Graf Henckel von Donnersrnarck in Paris.Eines Tages (so erzählt er) speiste ich bei dem Justizminister Cambaceres; ich hatte meinen Platz zwischen dem bayerischen Minister Grafen Montgelas und dem berühmten Gastronomen dAigrefeuille. Zum Dessert kamen kleine Teller, auf denen 68 Rübchen lagen. Auf meine scherzhafte Frage, was das für eine Seltenheit wäre, erhielt ich von dAigrefeuille die gravitätische Antwort:Des navets de Teltow. Nun konnte ich nicht unterlassen, ihn zu fragen, wo denn Teltow läge; und er mit einer Miene, die seine Verwunderung über meine Beschränkt­heit ausdrückte, und aus Mitleid die Hand vorhaltend, damit meine Un­wissenheit nicht bemerkt würde antwortete mit Nachdruck:En Amerique.

Das Städtchen Teltow, keineswegs in Amerika, sondern etwa 10 Kilometer von Berlin entfernt gelegen, wird vornehmlich von einigen Händlern aufgesucht, welche den Ertrag der Äcker aufkaufen und über­allhin versenden: nach Paris, Wien, London, St. Petersburg u. s. w., ganz besonders aber nach Amerika, wo für die Teltower Rübe verhältnismässig überaus beträchtliche Preise gezahlt werden. Gerade der Sand verleiht diesem Gemüse den überall geschätzten Wohlgeschmack. Obgleich die Rübe auch in angrenzenden Orten mit demselben Erfolge gezogen wird, behauptet der Teltower: nur seine Äcker könnten eine wirklich gute Rübe liefern; der Name bleibt allerdings an Teltow gebunden. Auch in den Gärten Berlins gedeiht die berühmte Rübe, sobald sie den richtigen Sand bekommt. Gerade von Berlin aus betrieb man in früheren Jahr­hunderten einen sehr lebhaften Handel nach ausserhalb und auch in beträchtliche Fernen. Auf der Tafel der Hohenzollern hat die kleine Rübe stets die verdiente Würdigung gefunden. Friedrich Wilhelm I. räumte ihr schon deshalb gern diesen Platz ein, weil sie in seinem eigenen Lande gezogen wurde und deshalb wohlfeil war. Auch der alte