Geschichtl.-Medizinisches u. -Chirurgisches aus Brandenb.-Preussen.
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auf einer sehr niedrigen Stufe, während im Süden, namentlich in Italien, dieselben bereits blühten, so dass ein Jeder, der sich denselben widmen wollte, die dort schon bestehenden Universitäten, später auch die zu Paris und Montpellier, aufzusuchen genötigt war, und finden wir demgemäss daselbst Jahrhunderte lang viele junge Männer aus dem Norden als „Scholaren“, in eigenen Landsmannschaften oder Stationen vereinigt. Der damals bei den Vorlesungen stattfindende ausschliessliche Gebrauch der lateinischen Sprache ermöglichte das allseitige Verständnis.
Wie andere Wissenschaften, so lag auch die Pflege und Ausübung der Medizin und Chirurgie im frühen Mittelalter überall fast ausschliesslich in den Händen der Geistlichen, namentlich der Bewohner der auch in der Mark Brandenburg zahlreichen Klöster *), in deren Gärten selbst Arzneipflanzen gezogen wurden. Die allgemeine Ausübung der Medizin und Chirurgie durch Geistliche, mit der übrigens zahlreiche abergläubische Manipulationen, wie Beschwörungen, Teufelaustreibungen, bisweilen verbunden waren, hörte indessen mit dem Ende des 13. Jahrhunderts fast überall auf, indem den Geistlichen, namentlich die Ausübung der Chirurgie, nach dem Grundsätze: Ecclesia abhorret a san- guine (die Kirche verabscheut das Blut) durch verschiedene Concile untersagt worden war. Nicht ohne Anteil blieb aber die Geistlichkeit, ebenso wie die zu ihr in nahen Beziehungen stehenden geistlichen Ritterorden an der um diese Zeit erfolgenden Gründung von Hospitälern, deren Dringlichkeit sich durch die mit den Kreuzzügen erfolgte Einschleppung des Aussatzes oder der Lepra aus dem Orient nach allen Teilen Europas unabweisbar machte. Die in Folge dessen errichteten Aussatzhäuser oder Leprosorien lagen (wie auch in Berlin) stets abgesondert, meistens ausserhalb der Städte, und wurden, da sie dem heiligen Georg gewidmet waren, G eorgen- oder St. Jürgen-Hospitäler genannt. Nachdem mit dem Ende der Kreuzzüge auch der Aussatz in Europa bedeutend abgenommen hatte, wurden die sogen. „Sondersiecheu-, Gutleutehäusern, Elendsherbergen“ in allgemeine Hospitäler verwandelt und dienten namentlich bei den vielen ganz Europa heimsuchenden, auch unter dem Namen des „schwarzen Todes“ bekannten Pestepidemien zur Aufnahme von Pestkranken, die in einzelnen Jahrhunderten auch in der Mark Brandenburg so zahlreich waren, dass viele Dörfer und kleine Städte gänzlich ausstarben.**) Neben den Georgenhospitälern gab es, wie im übrigen Europa, so auch in der Mark, Heilige Geist-Hospi-
*) J. c. W. Moehsen, Beschreibung einer Berlinischen Medaillensammlung, die vorzüglich aus Gedächtnismtinzen berühmter Aerzte besteht, nebst einer Geschichte der Wissenschaften in der Mark Brandenburg, besonders der Arzneiwissenschaft, von den ältesten Zeiten an bis zu Ende des 16. Jahrhunderts. II. Teil. Mit Kpf. Berlin und Leipzig 1781. 4°. S. 140.
**) Moehsen a. a. 0. S. 258.