472
10. (6. ordentl.) Versammlung desVlI.Vereinsjahres.
tiiler, die um dieselbe Zeit, nach dein Vorbilde eines noch heule in Rom bestellenden, denselben Namen führenden Hospitals errichtet worden waren. Desgleichen hatten, wie schon erwähnt, an vielen Orten der Mark und ihrer Nachbarschaft die Tempel- und die Johanniter-Ritter Hospitäler begründet.
Obgleich über die Ausübung der ärztlichen Kunst durch Geistliche in der Mark Brandenburg nichts Näheres bekannt ist, namentlich nicht ein einziger Arzt geistlichen Standes eine Berühmtheit erlangt hat*), so musste doch, nachdem dieselben zurückzutreten genötigt waren, für dieselben ein Ersatz erfolgen. Dieser fand sich, da es im Norden von Deutschland wissenschaftlich gebildete, auf ausländischen Universitäten unterrichtete Arzte und Chirurgen wohl nur wenige gab, in den Barbieren oder „Scherern“, die bis dahin als Gehilfen der Geistlichen und in den vielen Kriegen, namentlich bei der Behandlung äusserlicher Schäden und Verletzungen, sich einige Kenntnisse erworben hatten und in ihren fest gegliederten Innungen auf jede ihnen mögliche Weise auch in der Medizin und Chirurgie sich weiter auszubilden trachteten. Freilich gab es zu jenen Zeiten eigentliche Feldärzte oder -Chirurgen für die Behandlung der Truppen noch nicht, denn die wenigen derselben, welche bei den Armeen sich befanden, standen lediglich im Dienste der Fürsten oder Heerführer und kamen den Mannschaften nicht zu Gute. Eine vermehrte Bedeutung hatten die Barbiere auch dadurch gewonnen, dass in Deutschland iin 11. Jahrhundert die Bärte abgeschafft worden waren; auch in der Mark Brandenburg fand dies statt, denn die Markgrafen des 12. und 13. Jahrhunderts wurden auf Grabsteinen und Siegeln stets ohne Bart abgebildet**). Eine andere vorzugsweise den Händen der Barbiere anvertraute Funktion war die Ausführung des Jahrhunderte lang beim Volke in Gebrauch befindlichen oder vielmehr missbräuchlichen regelmässigen Aderlassens und Schröpfens, deren Abschaffung erst in unserem Jahrhundert gelungen ist. Bis dahin aber fand der Aderlass oder die „Lässe“ und das Schröpfen namentlich bei den Landleuten in ganz regelmässigen Zeiträumen statt, die Kalender enthielten sogar „Lasstafeln“, welche augaben, welcher Zeitpunkt dazu besonders geeignet sei, und an den Markttagen floss vor den Läden der Barbiere das vergossene Blut in Strömen; in der Stadt Brügge besass man sogar einen sogen. „Blutbrurmen“, nach welchem alles Blut binnen 24 Stunden geschafft werden musste. In den mit besonderen Privilegien ausgestatteten Innungen oder Zünften der Barbiere, welche aus Meistern und Gesellen bestanden und sich die Ausbildung von Lehrlingen angedeihen sein liessen, mussten die Gesellen, wenn sie Meister wex-den wollten, sich einer Prüfung unterziehen und ein Meisterstück machen, bestehend in
') Moeliseu a. a. O. S. 164. — **) Ebenda S, 308.