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Kleine Mitteilungen.
der Hofdichter und Capellmeister denselben Gegenstand in der italienischen Oper Andromeda bearbeiten.
So ahmte der Großonkel auch wieder den ruhmsüchtigen französischen Ludwig auf seine Art nach. Was den siegreichen Feind der letzten Zeit, der bei sich zu Hause im Besitze der größten Kunstschätze der alten und modernen Welt ist, bewogen haben kann, dieses große Stück Klempnerarbeit als Trophee mit sich wegzuführen, ist nicht leicht zu errathen. Man sagt, die Gier des Meisters nach der Ehre, sein Werk in Paris aufgestellt zu sehen, habe selbst dazu beigetragen, indem er die Besorgung der Herabnahme der colossalen Masse übernahm, zu welcher sich kein patriotisch gesinnter Handwerker der Stadt verstehen wollte.“
Oderberg i/M. im letzten halben Jahrhundert. Vortrag, gehalten im Verein für Heimatkunde von Herrn Lehrer em. Heinrich Lange. (Nach Mitteilungen in der Oderberger Zeitung März 1903.)
Ich habe mir dies Thema gewählt, um Tatsachen und Ereignisse, die sich während dieser langen Zeit in unserer Stadt und Umgegend zugetragen und deren Augen- und Ohrenzeuge ich gewesen, sowie solche Geschehnisse, die mir von glaubwürdiger Seite zugetragen sind, niederzuschreiben und in mehreren Vorträgen der Jetztwelt zu überliefern.
Als ich Oderberg zum ersten Male sähe und besuchte, es war am Martini Markte 1847, ahnte ich nicht, daß dies Städtchen nach einem halben Jahre meine zweite Heimat werden und ich im wundervollen Monat Mai des folgenden Jahres als wohlbestallter 6. Lehrer an der Stadtschule einziehen sollte. Das Gehalt der jüngsten Lehrerstellen betrug jährlich 150 Taler. Wenn auch nur gering, so gab es doch noch Städte in der Mark, deren untere Lehrerstellen geringer dotiert waren. Ich war glücklich, wurde seßhaft und bereue es nicht, denn das Gehalt hatte sich nach langen Jahren und bis zu meinem Abgänge 1897 um das 5 V 2 fache vermehrt, ein riesiger Fortschritt. Selbstverständlich wünsche ich meinen jungen Kollegen nach 50jähriger Dienstzeit ein gleiches Schicksal.
•1. Die Märkte. Doch nun zurück zu meinem ersten Besuch. Der Eindruck, den die Stadt auf mich machte, wurde meist verwischt durch den überaus großen Markttrubel und verhinderte auch eine genaue Besichtigung der Stadt. Ein Kollege führte mich auf den damaligen Stägemannschen, jetzt Thieleckeschen Berg, wo sich mir ein Anblick bot, den ich nie vergessen werde und der in den nachfolgenden Jahren sich leider öfter wiederholte. Es war die Überschwemmung der Oder. Sie wälzte ungebändigt ihr Wasser von der Stadt bis zum Neuenhagener Wald. Ungezählte Heuhaufen, die auf 5 und mehr Fuß aus dem Wasser hervorragenden Pfählen sogen. Mieten aufgesetzt waren, dazwischen alte Weidenbäume und Sträucher, gaben der ruhelosen Wasserfläche ein eigentümliches Bild, welches noch belebt wurde durch die mit schwellenden Segeln dahinfahrenden Schiffe. Die Verbindung Oderbergs mit dem jenseitigen Ufer geschah bei Hochwasser täglich dreimal. Heute die Brücke, welch ein Fortschritt! Diese Änderung verdanken wir der Verwallung, welches Thema ich in einem späteren Vortrag bringen werde.