Heft 
(1899) 8
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Carl Bolle, Altmodische Blumen.

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reichlich vorhanden, ausgelassen worden sein. Kulturelle Initiative muss diesen Bestrebungen abgesprochen werden; es waren allein 'Wieder­belebungsversuche.

Thatsache ist: die durch die Capitularen bezeichneten und zum Anbau empfohlenen Gewächse sind sämtlich der Latinität entnommen. Was Baum wie Kraut betrifft, so weisen Spontaneität und Namen der meisten unter ihnen auf eine südeuropäische Heimat hin.

Später hat die Kirche, in stetem Verkehr mit Rom, das gleiche Werk weiter fortgesetzt. Benediktinermönche zumal waren es, denen ihre Ordensregel so Studium wie Land- und Gartenbau zur Pflicht machte. Sie werden in der Abgeschiedenheit des Klosterlebens am ehesten Gelegenheit gefunden haben, das Poetische der Blume zu empfinden, sie bedurften ihrer zum Kirchenschmuck. Eine Abzweigung dieses Ordens waren die Cistercienser, mit deren Wirken sich der Faden in unsere Mark hinüberspinnt, wo die Namen der grossen Abteien Lehnin, Chorin, Ilimmelpfort allein genügen, ihr Wirken als segensreich erkennen zu lassen. Diese Kuttenträger arbeiteten zuerst an der Urbarmachung des langsam eroberten Slavenlandes. Möglich auch, dass sie nur wieder- herstellten was in der Verwüstung langer Kriege an Wendenfleiss ver­loren gegangen war. Ob Einiges, alte Blumen betreffend, von diesem ebenso phantasiereichen wie betriebsamen Volke herrühre, dürfte schwer zu ermitteln sein.

Noch später mag ein Weniges den Kreuzzügen verdankt worden sein; oder auch den heimgekehrten Ordensrittern, die in Syrien ein altes und reiches Gartenland verlassen mussten. Ein Mehreres jedoch verbot allzu grosse Verschiedenheit der Klimate. Von da an Stillstand durch Jahr­hunderte des Mittelalters bis man die Türken, auch friedfertig, kennen lernte und bis Amerika entdeckt ward.

So gewann unser Vaterland bis auf den heutigen Tag in Süd und Nord den gleichen Pflanzenbestand für die Physiognomie seiner geringen Ziergärtlein. Der Deutsche aber modelte an der ihm fremd klingenden Klassicität überkommener Namen so lange herum, bis er sie sich mund­recht gemacht und sie seiner Zunge angepasst hatte. Sie dienen uns noch heut zur Verständigung. Der Klang vieler Vokabeln allein würde genügen, ihre Herkunft darznthun. Seit lange unantastbar und der Nation lieb geworden, schmücken sie anmutig und erinnerungsreich unseren Sprachschatz. Rein teutonische Etymologien fehlen zwar nicht ganz, sind aber für die eigentlichen Blumen weit seltener.

Warum sind nun von den vielen, doch so schönen wilden Blumen der Heimat nur wenige unserem Gartenbestand einverleibt worden? Sehen wir uns um, so ist es nur eine äusserst geringe Zahl, die darin Raum gewonnen hat: Schneeglöckchen, Salomonssiegel, Akelei, Veilchen, Leber­blümchen, Waldanemone, diese oder jene Glockenblume und weniges