Heft 
(1899) 8
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Carl Bolle, Altmodische Blumen.

mehr, manches allein in gefüllter Form. Gab es denn aber nicht in Wald und Wiese an Blütenpracht genug, um die Aufmerksamkeit stärker zu fesseln? Konnten Liebfrauenschuh, mehr als eine Orchis oder Orchidee, der Frühlings-Adonis, Türkenbund, Bienen-Melisse, unsere blaue Salvei, die Sandlilie nicht mit mancher Gartenblume um den Preis ringen? Dass sie nie zum Rang einer solchen gelangten und höchstens einmal da wie heimlich Eingang fanden, wo botanische Instinkte, latent oder offen ein­gestanden, sich, selten genug, geltend machten, mag wohl an dem dem einmal Angenommenen treu bleibenden Charakter des Deutschen, dann auch daran gelegen haben, dass man in freier Natur fast bei jedem Schritt eine so grosse Fülle von Blüten vorfand, dass deren Überführung in Gärten überflüssig erschienen wäre.

Viele Länder haben seitdem an der Bereicherung alter Gärten teil­genommen. Zuvörderst der Orient, in welchem Blumenzucht von jeher die Schönen des Harems für manche Entbehrung getröstet hatte. Dort­her kamen, bis aus Persien her: ein Flieder, Anemone, Ranunkel, Muskat- hyacinthe, sowie andere schöne Zwiebelgewächse, Tulpe und Kaiserkrone voran. Die neue Welt von Canada bis zur Magellanstrasse erschloss eine Unzahl vegetativer Wunder, von welchen zwar nicht die köstlichen Passifloren oder die im dunklen Feuer glühende Flor de Noel, wohl aber einzelne Cakteen, die Kapuzinerkresse, Mirabilis und die alles an massiger Grösse übertreffende Sonnenblume rasch auch in Bauerngärten sich vervielfältigten. Kreta lieferte die ersten europäischen Neuheiten, wenn auch anfangs nur in botanische Gärten. Liebevoll und bedächtig lud der heimkehrende Holländer am Kap Stecklinge und Knollen aus der reichsten Flora der Welt, darunter die zu so allgemeiner Verbreitung vorausbestimmten Geranien, auf sein Schiff. Der canarische Lorbeer­wald spendete Cinerarien und Semperviven. Noch vor Ende des 18. Jahr­hunderts öffneten die uralten, bisher verschlossenen Gartenländer China und Japan behutsam ihre noch heut offen gebliebenen Pforten dem Pflanzenaustausch. Ganz zuletzt sind es die Prärien des fernen West und das nicht allein gold-, sondern auch blumenreiche Californien ge­wesen, deren Erzeugnisse zu uns gelangten, um sich schnell über Europa, bis in ganz abgelegene Winkel unseres Vaterlandes hinein, zu verbreiten.

Wir gehören einer raschlebigen Generation an. Selbst von dem spät erst gewonnenen Grün der Fremde ist Manches bereits wieder ver­altet. So erweitert sich das Gebiet unmoderner Pflanzen und man ver- stösst jetzt oft rasch wieder in Dunkelheit was kaum erst bei uns festen Fuss gefasst hatte. Zu dem richtigen Altmodischen zählt dergleichen aber doch nicht; dagegen kann man dazu andererseits Dinge rechnen, die selbst der modernste Garten heut nicht ausschliesst.

Dieser Strom rinnt noch immer. Soviel Neues treibt auf seiner Ober­fläche, dass es fast mehr verwirrt als entzückt; neue Einführungen aus