Carl Bolle, Altmodische Blumen.
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dem Auslande, sogenannte Verbesserungen, Kreuzungen verschiedenartigster Species, sich überstürzende Ausstellungen, Wertzeichen, die den Blumen angeheftet werden, wie Bändchen dem Knopfloch eines strebenden Staatsbürgers. Weit ab von unserer modernen Iiortikultur liegt der Friede eines stillen Gartens voll altmodischer Blumen. Wo wir ihm noch begegnen, soll unser Gruss zu ihm voll zärtlicher Liebe reden, unser Blick auf ihn voll sehnsüchtigen Bedauerns gerichtet sein.
Doch es ist Zeit, sich einmal flüchtig in einem jener ländlichen Gärten umzusehen, die Zufluchtsorte unserer Lieblingsblumen geblieben sind. Es wird liier nicht beansprucht, ihren schlichten Reiz zu erschöpfen oder gründlich auszumalen, nur mit leichten Strichen mag Einiges angedeutet sein.
Hinter dem Hause liegt altmodisch der grüne Fleck, mehr oder weniger gross, wiederum altmodisch in regelmässige Formen zerteilt und von geraden Stegen durchkreuzt. Gegen den Hof schliesst ein Zaun gegen Eingriffe von Federvieh oder Ziegen ab. Weit hinten als Grenze ein Teich, von Busch, darin Schneeglöckchen stehen, und von kleiner Wiese zur Bleiche, eingehegt. Seltener die Hecke aus Gesträuch von Sauerkirschen oder Haberschlehen, meist Zaun oder Mauer umfriedigt das Ganze. Innerhalb auf der Sonnenseite Wein, auf der Schattenseite Ilimbeerreihen, an Obst, in der Mark, Pflaumen- und Birnbaum viel häufiger als der Apfelbaum und die oft fehlende Süsskirsche. Den weitesten Raum nimmt natürlich auf parallelen schmalen Beeten, vielfach von kleinen Wegen durchbrochen, die Prosa der nutz- und gewinnbringenden Gartenfrüchte ein. Im Winkel zwischen Hof und Garten der weitschattende Nuss bäum, die Weihnachtsfreude der Kinder voraussagend und der zwar entbehrliche, aber gern gesehene Hollunder, an welchem mit verschwindend schwachen Fäden ein letzter Rest althergebrachter Bauinverehruug haftet, während man seine Büschel schwarzer Beeren den Rotkehlchen gönnt oder ein Paar davon als Würze in den Kessel zum Pflaumenmuss wirft. Am Bienenstand ist der Standort einiger aromatischer Labiatenkräuter, am Backofen steht ein Haselstrauch besserer Sorte, um den im Lehm wuchernde Üppigkeit grosser Unkräuter: Nesseln, Klette, Huflattig und wildgewordener Hanf, sich breitet. Es fehlt nicht die Laube: sie umrankt seltener der Hopfen, häufiger Gais- blatt, Bryonie und wilder Wein, nachdenkliche Ruhe und süsse Geheimnisse verhüllend. Es klettern an ihr oder an Stangen Feuerbohnen aufwärts und selten wird die trichterförmige Winde, von der man den lateinischen Namen Convolvulus kennt, vermisst. Vom Acker in den Garten übergetreten prangt hie und da auch buntfarbig und zwischen Floi'- und Nutzpflanze die Mitte haltend, ein kleines Mohnfeld, im voraus Gedanken an die Mohnpielen des Sylvesterabends weckend.
Wo aber, frägt man, bleiben die Blumen? Für die läuft ein Beetstreifen den gradlinigen breiten llauptweg entlang, und verzweigt sich